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Legende: Audio E-Identität: Eine Sache des Vertrauens? abspielen. Laufzeit 10:32 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 11.09.2019.
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Erfahrungsbericht aus Tallinn Wie die Esten mit der digitalen Identität leben

Bei uns Zukunftsmusik, in der ehemaligen Sowjetrepublik längst Realität: Die E-ID hat den Alltag der Menschen verändert.

Estlands Hauptstadt Tallinn hat viele Gesichter. Jenes der alten Hansestadt, jenes der Plattenbauten aus der Sowjetzeit, jenes der modernen Blöcke aus Glas und Beton. Was die 430'000 Menschen verbindet: im Alltag sind sie digital unterwegs. Bargeld braucht kaum noch jemand, steter Begleiter ist das Smartphone, und darauf – geschützt mit Fingerabdruck und Pin-Code – die digitale Identität.

Ein Passant zückt sein Gerät und erklärt: «Ich kann alle persönlichen Daten von der Krankenakte über das Auto, die Versicherung, die Kinder oder das Haus an einem Ort einsehen.» Für Estland sei der digitale Wandel eine wirtschaftliche Notwendigkeit, ergänzt seine Partnerin. Und das System könne vielleicht die Welt verändern.

Wir scherzen hier, dass wir nur bei drei Sachen persönlich aufs Amt gehen müssen: Zum Heiraten, zum Scheiden und beim Kauf einer Liegenschaft.
Autor: Kadri KaskaCyberforscherin

Robert Krimmer hat selber eine E-ID. Der Österreicher ist Professor für E-Governance an der Uni von Tallinn. Der Kernpunkt der E-ID sei, dass die Menschen mehr Verantwortung im Umgang mit Daten übernähmen, aber auch die Kontrolle über sie hätten: «Sie wissen, wann auf ihre Daten zugegriffen wurde und welche Einrichtung es war.»

Die Ohnmacht, nicht zu wissen, wer mit den eigenen Daten hantiere, entfalle: «Und wenn Sie in der Log-Datei etwas entdecken, das sich nicht begründen lässt, können Sie nachfragen.» Bei Missbrauch können Beamte oder Polizisten ihren Job verlieren, Anwälte oder Ärzte ihre Lizenz. Privatpersonen drohen hohe Bussen.

Menschen in Tallinn
Legende: Fachleute aus der ganzen Welt pilgern in die Hauptstadt Tallinn, um sich das digitale Leben in «E-Estonia» erklären zu lassen. Denn Estland denkt auch den Datenschutz neu. Reuters

Die zentrale Datenbank zu pflegen und zu schützen ist Sache des Staates. Anwendungen dafür entwickeln private Unternehmen. Also von der Bank, über die Versicherung bis zur Kundenkarte des Grossverteilers – immer auf Basis dieser einen Datenbank.

Kadri Kaska schätzt diese digitale Welt: «Wir scherzen, dass wir nur bei drei Sachen persönlich aufs Amt gehen müssen: Zum Heiraten, zum Scheiden und beim Kauf einer Liegenschaft. Den Rest erledigen wir online.»

Wir akzeptieren, dass Technologie nie perfekt ist.
Autor: Kadri KaskaCyberforscherin

Dabei müsste sie besonders alarmiert sein, wenn in Estland quasi das gesamte Leben auf einer Datenbank abgespeichert ist. Denn Kaska arbeitet für einen Nato-Think-Tank zu Cyberkriminalität. Sicher vor Cyberattacken sei niemand – wichtig sei, damit richtig umzugehen: «Wir akzeptieren, dass Technologie nie perfekt ist. Wenn etwas schief geht, brauchen wir als digital abhängige Gesellschaft einen Plan, wie wir unser normales Leben fortführen können.»

Störungen müssten schnell erkannt werden, um auf alternative Systeme wechseln zu können, so Kaska: «Versagt eine technische Lösung, steht die nächste bereit.» Die Cyberforscherin vergleicht die Sicherheitsstrategie mit dem menschlichen Körper: «Du kannst nie sicher sein, dass du keinen Virus einfängst oder krank wirst. Aber du weisst, wie du dich davor schützen kannst. Was du machen musst, wenn es passiert.»

Andere Interpretation des Datenschutzes

In der Schweiz speichert jedes Amt, jede Ärztin oder jede Versicherung persönliche Daten separat ab. In Estland ist es ein riesiger Datensatz, der vom Staat überwacht wird. Das Land zählt auf das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat – und auf funktionierende Kontrollmechanismen.

Wenn jede Anpassung von Gesetzen oder persönlichen Daten einsehbar ist, werden in erster Linie die Prozesse in den Verwaltungen gläsern, weniger die Bürger. Ganz im Gegensatz zu privaten internationalen Internetkonzernen. Sie sind an gläsernen persönlichen Identitäten interessiert. Denn nur solche Profile lassen sich zu Geld machen – kontrolliert werden können diese auch nicht.

Legende: Video Aus dem Archiv: E-ID – Widerstand gegen Bundesratspläne abspielen. Laufzeit 01:43 Minuten.
Aus Tagesschau vom 27.05.2019.
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18 Kommentare

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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Es ist krass, wie die viele Schweizer nicht verstehen wollen, dass in einer beschleunigten Welt, auch Entscheide schneller und öfters getroffen werden müssten.
    Lieber manövrieren wir uns mit einer esoterisch begründeten CyberAngst in das offensichtliches Unvermögen, demokratisch auch auf spontane Ereignisse zu reagieren, und sehen nicht, dass das vielen Politikern ganz gut passt, wenn sie alleine im Parlament entscheiden dürfen wenn keine Zeit mehr ist, auch noch den Bürger zu befragen...
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    1. Antwort von Hans Anreiner  (Hans.Anreiner)
      Esoterisch begründete Cyberangst... ist das ein anderes Synonym für Verschwörungstheorie... jetzt kommt wohl diese Schiene wieder. Hinterfragt man etwas, ist man ein Verschwörer... äh nein... esoterisch begründete Angst. ...oh je... nein... und wenn ich sage, dass gerade in einer beschleunigten Welt, Entscheide sehr wohl überlegt und mit Geduld gefasst werden müssen, sonst überholen dich die Ereignisse... wäre doch auch eine Sichtweise... natürlich nicht für sie, nehme ich an...
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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Wer sich dafür interessiert, wie man tatsächlich den Zugriff auf die eigenen Daten kontrollieren könnte (ich selber definiere wer, wann, wie oft, bis wann und wozu auf meine Daten zugreifen darf) dem sei Sir Tim Berners-Lees "Solid"-Projekt zur Lektüre empfohlen: https://solid.inrupt.com.
    Damit lassen sich Fakten schaffen um der Gerüchteküche und der Cyberangst entgegenzuwirken.
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    1. Antwort von Hans Anreiner  (Hans.Anreiner)
      Dann glauben sie wohl noch an den Osterhasen? Haben sie mit Informatik irgend etwas am Hut? Wenn ja, dann müssten sie genau wissen, dass das alles Scheingehabe ist. Kontrolle über die eigenen Daten? Hihi...
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  • Kommentar von Simon Johannes  (simon.johannes)
    Die Freiheit ist schnell verschenkt, doch sehr schwer errungen. Was „online“ ist, kann man nicht mehr selbst kontrollieren. Alles andere ist eine Illusion.
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    1. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Zitat: "Was „online“ ist, kann man nicht mehr selbst kontrollieren".
      Diese Aussage kann man so nicht stehen lassen. Rein technisch gesehen, könnte man jeden Zugriff auf den persönlichen Datensatz kontrollieren. Auch mit der Tatsache, dass diese Technik nicht immer zu 100% funktioniert, wäre sie allemal besser als gar nichts über die eigenen Daten zu wissen.
      Wie kontrollieren Sie z.B. ihr Stimmcouvert? Wissen Sie was mit ihren Steuerdaten passiert oder was die SBB mit ihren Reisezielen macht?
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    2. Antwort von Simon Johannes  (simon.johannes)
      @Baron 100% ig ist das so. Die SBB weiss nur etwas dank Swisspass. Das ist der beste Beweis, dass früher geheime Daten nun herumvagabundieren und zur Verhandlungsmasse werden. Wer darf darauf wann zugreifen? Nur der Staatsanwalt? Oder auch das Steueramt? Ihr Arbeitgeber oder der Ehepartner?
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