EU-Politik: Wenn Forschungen fatale Folgen haben

Die amerikanische Wirtschaft erholt sich, in Europa hält sich die Krise hartnäckig. Die europäische Misere sei auch das Resultat einer irrigen Studie, behaupten Kritiker. Klar ist: Die Politik legt Forschungs-Ergebnisse oft nach ihrem Gutdünken aus. Das kann gefährlich sein.

Spanische Arbeitslose stehen vor einer Arbeitsvermittlung an.

Bildlegende: Prekäre Lage in Spanien – auch weil Politiker Forschungen unkritisch übernehmen. Reuters

Jüngste Zahlen belegen es: Die USA erholen sich. Ihre Arbeitslosenquote sinkt, die Wirtschaft zieht an. Mit einer lockeren Geldpolitik versucht die US-Notenbank schon länger, der Krise zu begegnen. Sie kann sich fürs Erste bestätigt fühlen.

In Europa dagegen steigt der Anteil der Arbeitslosen; ein Ende der Rezession ist nicht in Sicht.

Politik in der Pflicht

Kritiker monieren, dies sei Folge des restriktiven Spardiktats, das Deutschland propagiert habe und das mittlerweile die Politik vieler Länder präge. Befürworter dagegen legitimierten diesen Sparkurs wiederholt mit einer Studie zweier renommierter Ökonomen der Harvard Universität. Darin werten die beiden Professoren Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff historische Daten aus und kommen zum Schluss, dass ein Land bei einem Schuldenanstieg auf 90 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) einen signifikanten Wachstumseinbruch erleide.

Die Grundüberlegung von Reinhart und Rogoff lautet also: Wachstumsraten sind bei hoher Verschuldung niedriger. Dies ist  in breiten Kreisen unbestritten. Nur: Die 90 Prozent als eine Art Schwellenwert wurden kürzlich widerlegt. Und die Frage der Kausalität bleibt unbeantwortet: Führt hohe Verschuldung zu Wachstumseinbruch oder geringes Wachstum zu hoher Verschuldung?

Die Konsequenz: Politiker müssten sich zur Meinungsbildung generell breiter abstützen. Das fordert Wirtschaftsprofessor Gebhard Kirchgässner von der Universität St. Gallen.

Falsche Interpretation zu Jugend-Arbeitslosigkeit

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Politik und Öffentlichkeit auf Zahlen verlassen, die später eine Relativierung erfahren. Das jüngste Beispiel betrifft die Jugend-Arbeitslosenquoten in Südeuropa. Sie steigen zwar auf ein erschreckend hohes Niveau. Meldungen, jeder zweite Jugendliche in Spanien oder Griechenland hätte keine Arbeit, seien allerdings übertrieben.

Die Zahlen würden nicht richtig gedeutet, erklärt Professor George Sheldon von der Universität Basel. Es ginge vergessen, dass sich viele junge Erwachsene in einer Ausbildung befänden und gar keiner Arbeit nachgehen könnten.

Von einer «verlorenen Generation» will Sheldon also nicht sprechen. Die Jugendlichen seien nicht ein Leben lang vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. «Es ist ein vorübergehendes Phänomen», so der Wirtschaftsprofessor.