Europäische VW-Kunden zahlen die Zeche

VW hat sich im Abgas-Skandal mit den US-Behörden geeinigt, die Betroffenen VW-Kunden werden grosszügig entschädigt. Damit könnten die deutschen und europäischen Kunden aber keineswegs rechnen, sagt Deutschland-Korrespondent Peter Voegeli.

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Einigung im VW-Abgasskandal

3:05 min, aus Tagesschau am Mittag vom 22.4.2016

VW und die US-Behörden haben sich grundsätzlich geeinigt: VW muss einen Grossteil der vom Abgasskandal betroffenen Autos zurückkaufen oder reparieren. Zudem sollen die Autobesitzer eine finanzielle Entschädigung erhalten.

Beide Seiten haben nun zwei Monate Zeit, um die Details der Einigung zu klären. Was der Deal VW kosten wird, ist noch unklar. Und: Die Entschädigungen gelten nicht für deutsche und europäische VW-Kunden, die vom Abgasskandal betroffen sind. Deutschland-Korrespondent Peter Voegeli über die Folgen.

SRF News: Wie ist die grundsätzliche Einigung, die da in den USA erzielt worden ist, in Deutschland aufgenommen worden?

Peter Voegeli: VW selbst hat sich noch nicht geäussert, doch der Tenor in den deutschen Medien ist eindeutig: VW verschafft sich Luft und kann erst einmal durchatmen. Ein erster Schritt zur Schadensbegrenzung sei nun getan. Sogleich hat auch die VW-Aktie an der Börse am Donnerstag um 5 Prozent an Wert zugelegt, seit Anfang Woche beträgt der Wertzuwachs sogar 16 Prozent.

Heisst der Kompromiss in den USA tatsächlich, dass VW nun aufatmen kann?

Etwas provokativ gesagt: Leider Ja. Denn die betroffenen deutschen und europäischen Kunden werden nun Geschädigte zweiter Klasse sein. Die grosszügige Regelung für die US-Kunden wird für sie nicht gelten. Der VW-Konzern dagegen kann tatsächlich aufatmen: Zwar ist der Dieselmarkt in den USA vergleichsweise klein, doch juristisch sind die USA teuer, gefährlich und unkalkulierbar – viel teurer, gefährlicher und unkalkulierbarer als Europa. Zwar sind auch in den USA noch nicht alle Fälle vom Tisch, aber aller Voraussicht nach wird es auch in den noch offenen Fällen einen Deal und keinen Prozess geben. VW kann ausserdem aufatmen, weil nun auch der Daimler-Konzern vom US-Justizministerium dazu aufgefordert wurde, zu Vorwürfen wegen hoher Emissionen Stellung zu nehmen.

Heute trifft sich der VW-Aufsichtsrat, um über den Kompromiss in den USA zu beraten. Worum wird es da konkret gehen?

Es sollen die Eckwerte der Bilanz 2015 besprochen werden, denn VW will die Verluste wegen der Betrügereien in der Bilanz für das letzte Jahr ausweisen und dann einen Strich ziehen. Mit der Bekanntgabe der Rückstellungen für 2015 im «Dieselgate» werden wir den ungefähren finanziellen Schaden erfahren. Dieser wird in zweistelliger Milliardenhöhe liegen, was ein Rekordverlust für den Volkswagen-Konzern darstellt. Trotzdem wird der Verlust für VW verkraftbar sein, zumal VW in Deutschland politisch im Windschatten der Flüchtlingskrise fährt.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Daimler im Visier

Daimler im Visier

Nun ist auch Daimler ins Visier des US-Justizministeriums geraten. Der deutsche Autobauer wurde nach Sammelklagen aufgefordert, den Zertifizierungsprozess in Bezug auf Abgasemissionen zu untersuchen. Der Autokonzern, zu dem Mercedes gehört, hat den Einsatz einer speziellen Software zur Manipulation von Abgaswerten mehrfach bestritten.