Europas Wirtschaft wächst wieder

Die Wirtschaftsleistung der Eurozone hat im zweiten Quartal erstmals seit anderthalb Jahren wieder zugenommen. Zu verdanken ist dies vor allem Deutschland und Frankreich. Doch auch Portugal meldet positive Zahlen. Trotzdem mag kaum jemand vom Ende der Euro-Krise sprechen.

Winterlich angezogene Frauen betrachten Taschen im Ausverkauf in Frankreich.

Bildlegende: Die Zunahme des Konsums in Frankreich ist dem kühlen Wetter im zweiten Quartal zu verdanken. Keystone

Die Eurozone hat die längste Rezession ihrer Geschichte durch das überraschend kräftige Wachstum der Schwergewichte Deutschland und Frankreich beendet. Das Bruttoinlandprodukt in den Ländern mit Euro stieg von April bis Juni im Durchschnitt 2013 um 0,3 Prozent zum Vorquartal. Das war das erste Plus nach anderthalb Jahren, wie das Statistikamt Eurostat mitteilte.

Krise noch nicht vorüber

Trotzdem warnte EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn in Brüssel: «Es ist noch zu früh, die Euro-Krise für beendet zu erklären.» Zwar komme die Wirtschaft langsam in Schwung, doch sei im zweiten Halbjahr nur eine gedämpfte Erholung zu erwarten. Besonders die nach seinen Worten «inakzeptabel hohe Arbeitslosigkeit» in Krisenstaaten wie Griechenland stehe einem kräftigen Aufschwung im Weg. Daher gebe es keinen Grund zur Selbstzufriedenheit.

Auch UBS-Devisenspezialist Thomas Flury sagt, aus den Zahlen des zweiten Quartals liessen sich keine Voraussagen für die kommenden Perioden extrapolieren. «Übertriebener Enthusiasmus wäre fehl am Platz.». Flury rechnet mit einer zwar stetigen, aber sehr langsamen Erholung der europäischen Wirtschaft. Auch werde sich der Euro gegenüber dem Schweizer Franken vorerst nicht markant erholen. Der Devisenspezialist rechnet denn auch in den kommenden Monaten mit einem Wechselkurs von 1,20 bis 1,25 Franken pro Euro.

Deutschland als Lokomotive

Das Ende der Rezession verdankt die Eurozone vor allem Deutschland: Die grösste Volkswirtschaft Europas schaffte mit einem Zuwachs von 0,7 Prozent ein unerwartet starkes Wachstum. Dazu trugen auch Nachholeffekte nach dem langen Winter bei.

So ist für das deutliche Plus nicht zuletzt die Bauproduktion verantwortlich. Sie wurde nach den witterungsbedingten Produktionsausfällen im Winter wieder hochgefahren. Und die Unternehmen stellen ihre Investitionen in Maschinen und Ausrüstungsgüter wohl weiter zurück - aus Angst, dass die Staatsschuldenkrise wieder aufflammen und die Nachfrage speziell aus den wichtigen europäischen Absatzmärkten leiden könnte.

Hollandes Politik beginnt zu wirken

Mit Frankreich überraschte auch die Nummer zwei der europäischen Volkswirtschaften: Hier stieg das Bruttoinlandprodukt mit 0,5 Prozent mehr als doppelt so stark wie erwartet. Sowohl die Konsumausgaben als auch die Industrieproduktion legten zu.

Der Aufschwung dürfte – zumindest teilweise – auf die Politik von Präsident François Hollande zurückzuführen sein, sagt Dominik Grillmayer vom deutsch-französischen Institut in Ludwigsburg gegenüber SRF. «Er setzt ja bewusst nicht auf Reformen mit der Brechstange – vor allem deshalb, um den Wachstumsmotor Binnenwirtschaft nicht abzuwürgen.»

Doch zugleich ist die Arbeitslosigkeit in Frankreich nach wie vor hoch und die Gewinne der Unternehmen stehen unter Druck. Grillmayer betont, dass Hollande sein Versprechen in diesem Bereich noch nicht eingelöst habe. Der Präsident habe deshalb keineswegs einen Freibrief, sich zurückzulehnen, weitere Reformen seien dringend nötig. Auch sei es bei weitem noch zu früh zu sagen, Frankreich habe die Krise hinter sich gelassen. Doch: Immerhin sei man nun auf jenem Kurs, der Anfang Jahr von der Regierung vorausgesagt wurde.

Musterknabe Portugal

Getoppt werden die Schwergewichte Deutschland und Frankreich noch von Portugal, das sogar ein Plus von 1,1 Prozent meldet und dies wachsenden Exporten verdankt. Allerdings bleiben die Differenzen innerhalb des Währungsraums gross. So setzte sich die Rezession in Italien (-0,2 Prozent), Spanien (-0,1), den Niederlanden (-0,2) und Zypern (-1,4) fort.