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Wirtschaft EZB kauft ab heute Staatsanleihen: Segen oder Fluch?

Die Europäische Zentralbank richtet ab heute mit der ganz grossen Kelle an: Sie gibt jeden Monat 60 Milliarden Euro aus, um europäischen Staaten Wertpapiere abzukaufen. Woher kommt das Geld – und was bringt das Programm überhaupt? Fragen an SRF-Börsenfachmann Samuel Emch.

Legende: Video «EZB lanciert Geldschwemme» abspielen. Laufzeit 0:50 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 09.03.2015.

Mit einem gigantischen Anleihen-Kaufprogramm will die Europäische Zentralbank (EZB) neuen Schwung in die Konjunktur im Euroraum bringen. Fragen zum Ablauf des Programms an den SRF-Börsenexperten Samuel Emch.

SRF News: Was wird nun aufgekauft?

Samuel Emch: Die EZB kauft vorwiegend Staatsanleihen vor allem von Staaten aus dem Euro-Verbund. Nur ein Bruchteil der 1140 Millliarden Euro werden in Schuldscheinen von Institutionen und Unternehmen aus Europa ausgegeben.

Von Griechenland und Zypern werden keine Staatsanleihen gekauft, was ist der Grund?

Gemäss den Regeln darf die EZB nur Anleihen kaufen, die nicht als Ramschpapiere eingestuft werden. Sie müssen also von den grossen Rating-Agenturen als sicher beurteilt werden. Das ist bei Griechenland und Zypern zurzeit nicht der Fall. Allerdings könnte die EZB eine Ausnahme für Staaten machen, die sich in einem Hilfsprogramm befinden. Weil aber der Status und das weitere Vorgehen mit Griechenland nicht wirklich geklärt sind, wird vorerst von Ausnahmen abgesehen.

Wo kauft die EZB diese Staatstitel?

Die EZB wird sich auf dem Bond-Markt eindecken, kauft also diese Staatsanleihen nicht direkt von den jeweiligen Ländern. Eine solche direkte Finanzierung von Staaten wäre auch gar nicht erlaubt. Gekauft wird also auf dem so genannten Sekundärmarkt von Dritten wie Banken, Versicherungen und Pensionskassen, die solche Papiere im Portfolio haben.

Woher nimmt die EZB all diese monatlich 60 Milliarden Euro?

Als Wächterin über den Euro kann die EZB so viele Euro ausgeben, wie sie will. Sie wird für dieses Programm neues Geld in den Markt bringen beziehungsweise frisches Geld drucken.

Kann mit dem Programm die Wirtschaft im Euroraum angeschoben werden, wie dies EZB-Chef Mario Draghi plant?

Legende: Video «Aufkauf von Staatsanleihen: Chance oder Risiko?» abspielen. Laufzeit 2:33 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 09.03.2015.

Skeptische Stimmen zur Wirksamkeit der Massnahmen kommen vor allem aus Deutschland. Verschiedene Beobachter glauben angesichts der bereits tiefen Zinsen nicht, dass weitere Senkungen den gewünschten Erfolg bringen, also dass mehr Firmen Geld aufnehmen und neue Jobs schaffen werden.

Zudem geht es in erster Linie darum, eine Deflation zu verhindern, das Preisniveau soll also steigen. Im Moment fällt es allerdings. Kritiker sehen darin einen positiven Effekt des tiefen Ölpreises für die Wirtschaft und halten die EZB-Massnahmen für unnötig. Weiter wird kritisiert, das Programm sei ein Anreiz für neue Staatsschulden.

Wertpapierkurse stiegen

Der Start der milliardenschweren Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB) an diesem Montag zeigt bereits erste Wirkungen an den Staatsanleihemärkten. Am Vormittag stiegen die Kurse auf breiter Basis. Im Gegenzug fielen die Renditen – von bereits niedrigem Niveau aus – weiter, weil Anleger beim Erwerb der Papiere mehr zahlen müssen.

5 Kommentare

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  • Kommentar von M.Kaiser, Rebstein
    Die EZB kauft etwas was gar nicht zu Geld gemacht werden kann , Wertpapiere von Staaten die selbst schon immens hohe Milliardenbeträge Schulden besitzen , sind nicht mehr wert wie das Papier auf das diese Wertpapiere ausgestellt sind. In der Realität ist es die Flucht nach Vorne um die wacklige EU mit inflationärem EURO noch notdürftig zusammen zu halten. Der EURO wird nur dann wieder ok, wenn die einzelnen Euroländer nach ihrer Wirtschaftskraft die Euromenge selbst wieder bestimmen können.
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  • Kommentar von Rolf Künzi, Winterthur
    Es gibt gar keine Deflation im Euroland, in Wirklichkeit geht es um die Abwertung des Euro, doch das darf sie nicht sagen. Hans Werner Sinn Ifo Instutut.
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Will man wirklich die Wirtschaft ankurbeln, dann weg mit der Märchensteuer, dafür höhere Einkommens- und Gewinnsteuer, sowie die Korruption und Steuerhinterziehung bekämpfen indem marktmässig überdurchschnittlich teure und günstige Waren und Dienstleistungen eine Strafsteuer erhalten.
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