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Wirtschaft Geld verdienen, um es zu verschenken

Spenden mit Verstand: So lautet der Leitgedanke der effektiven Altruisten. Sie geben grosse Teile ihres Lohns ab und wollen damit möglichst viel bewirken. Angesichts des Leids auf der Welt könne man gar nicht anders handeln. Der Kapitalismus ist dabei das Vehikel, das es zu nutzen gilt.

Tanzendes Kind auf Müllkippe, im Hintergrund Pferde.
Legende: Tag für Tag sterben 20'000 Kinder an den Folgen von Armut. Wo, dürfe keine Rolle spielen, sagen effektive Altruisten. Reuters

Menschen versuchen dieser Tage verzweifelt, Grenzen zu überwinden, Kinder sterben auf dem Weg mit ihren Eltern in ein vermeintlich besseres Leben – wenn das Leid anderer an uns heranrückt, sind wir bereit, zu helfen, Geld zu geben, uns gar selbst einzuschränken. Kurz: altruistisch zu handeln.

Falsch, finden effektive Altruisten. Man solle sich beim Spenden neben dem Herzen vor allem auch vom Verstand leiten lassen. «Jeden Tag sterben 20‘000 Kinder an den Folgen von Armut, und das ist nur ein Problem, und dieses Problem ist jeden Tag da», sagt Adriano Mannino, Präsident der Stiftung für Effektiven Altruismus, im Interview mit «ECO». «Das Leid wird nicht weniger schlimm, nur weil es in der Distanz passiert.» Wenn man sich das vergegenwärtige, scheine es ein normaler menschlicher Impuls zu sein, zu sagen: Ich möchte möglichst viel bewirken.

Legende: Video «Adriano Mannino über die Schweizer Bewegung» abspielen. Laufzeit 4:01 Minuten.
Vom 14.09.2015.

Angefangen hat alles in Grossbritannien. Dort werden inzwischen junge Menschen zu Investment Bankern, um 70 Prozent des Lohns wieder abzugeben und weiterhin wie Studenten zu leben. Mit einem möglichst lukrativen Job könne man die grösstmögliche Summe spenden.

Ganz so radikal lebt die Schweizer Community der Effektiven Altruisten nicht. Doch auch hier hat sich seit 2013 eine Gruppe entwickelt, die nach eigenen Angaben nach Oxford und San Francisco die drittgrösste ist. Beim Schweizer Ableger will man den effektiven Altruismus vor allem «lebbar» machen. Das heisst: Man solle realistisch beurteilen, ob der Job, den man ausübe, und die Summe, die man abgebe, auf lange Sicht haltbar seien. Mitglieder spenden in der Regel 10 bis 50 Prozent des Geldes, das sie verdienen.

Legende: Video «Philosophie-Professor Francis Cheneval über effektiven Altruismus» abspielen. Laufzeit 3:11 Minuten.
Vom 14.09.2015.

Gier durch Altruismus ersetzen

Das Ziel der Bewegung ist hoch: ein Umdenken in der Gesellschaft, eine bessere Welt. Gleichzeitig sind ihre Mitglieder alles andere als Kapitalismus-Kritiker, wie der Leiter des Ethik-Zentrums der Universität Zürich sagt: «Die Effective-Altruism-Bewegung will dem Kapitalisten die Gier nehmen und sie durch Altruismus ersetzen», erklärt Francis Cheneval. «Man soll also zwar zuerst schon reich werden, aber nur, um dann alles wieder zu spenden oder einen grossen Teil, steht aber mit beiden Füssen eigentlich auf kapitalistischem Boden. Es gilt, das Wertschöpfungspotenzial des Kapitalismus auszunützen, maximal auszunützen, um Armut zu beseitigen.»

Die Idee beurteilt er als gut. Allerdings sieht er aus ethischer Sicht gewisse Gefahren. «Es wird alles auf den kollektiven Gesamtnutzen hochgesteigert. Die Ethik wird also quasi zu einem Hochleistungssport, der über das Geld abgerechnet wird.» Er empfiehlt denn der Bewegung, «nicht allzu missionarisch» aufzutreten mit einer gesamtheitlichen ethischen Theorie (s. Box unten).

Welche Massnahme rettet die meisten Leben?

Mit dem maximalen Melken des Kapitalismus soll gleichzeitig eine maximale Wirkung erzielt werden. Das zweite Kennzeichen der Bewegung ist die Leitfrage: Wo kann das gespendete Geld am meisten bewirken, am meisten Leben retten? Dabei stützen sich effektive Altruisten auf Studien der Entwicklungsökonomie. In den USA und in Grossbritannien sind Organisationen entstanden, die die Effizienz von Hilfswerken versuchen zu messen.

Das ist nicht unumstritten. Renommierte Entwicklungs- und Verhaltensökonomen wie Daren Acemoglu vom Massachusetts Institute of Technology MIT oder Ernst Fehr von der Universität Zürich weisen darauf hin, dass nur eine Massnahme Menschen dauerhaft aus der Armut befreien und ihre Gesundheit und Bildung fördern könne: wirtschaftliche Entwicklung.

Adriano Mannino sieht keinen Widerspruch zu den Aktivitäten des effektiven Altruismus: «Das ist völlig kompatibel mit dem Spendenansatz. Wenn man denkt, dass politische Organisationen am effektivsten sind, dann soll man natürlich dorthin spenden.»

Forscher beginnen erst, sich mit den neuen Weltverbesserern auseinanderzusetzen. Sie setzen aus soziologischer, psychologischer und philosophischer Sicht diverse Fragezeichen. Gleichzeitig sind sich die angefragten Wissenschaftler einig in ihrer positiven Bewertung der Grundmotivation: Effektive Altruisten sind Menschen, denen es fremd ist, Wohlstand anzuhäufen und für hohe Löhne neue Bedürfnisse zu schaffen; Menschen, die der Ansicht sind, andere könnten aus ihrem Geld viel mehr Glück herausholen – noch sind sie rar in unserer Gesellschaft.

12 Kommentare

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  • Kommentar von Jonas Vollmer (jonas.vollmer)
    Der EA ist nicht mit dem klassischen Utilitarismus gleichzusetzen. Die Stiftung für Effektiven Altruismus hat die Aussagen von Peter Singer aus EA-Sicht kritisch beleuchtet – ein Auszug: «Viele EAs versuchen, ihr Handeln auf die utilitaristische Leidminimierung auszurichten und dabei keine deontologischen Handlungsregeln zu verletzen. Das ist ein vernünftiges Win-Win. Der EA kann insofern als Synthese von Utilitarismus und Deontologie verstanden werden (...)»
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    1. Antwort von M. Roe (M. Roe)
      Für mich tönt das wie einst die "Derivate" angekündigt wurde. Reine Synthese.
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    2. Antwort von M. Roe (M. Roe)
      Vollmer: Den riesigen, weltweiten Unternehmungen darf nicht erlaubt werden, legitim Leidmilderung zu schaffen. Den Wirtschafts- und Weltherrschern muss es verboten werden Leid zu produzieren. Es ist doch total verrückt zu glauben, dass jeder Fortschritt Leid bringen muss. Zwar werden viele Einschränkungen durch Fortschritt gebracht, aber Leid muss nicht sein, das sind faule Ausreden um noch etwas mehr Profit zu machen. "Win" darf nie wegen unnötigem Profit entstehen.
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  • Kommentar von Hermann Dettwiler (Alapeller)
    Unser Gesellschaftssystem Egoismus bedeutet: Jeder sorgt für sich - dann ist für alle gesorgt. Altruismus: Jeder sorgt für die Anderen - dann ist für alle gesorgt. Das funktioniert auch in Unternehmen. Zehn Leute wirken zusammen - der Zehnte schenkt seine Leistung den neun Anderen - und so beschenken alle alle, wodurch der Egoismus aufgehoben ist. Der Geistig wache Mensch entdeckt ein uraltes Lebensprinzip, wie auch die Tierwelt tickt.
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  • Kommentar von Rolf Wildhaber (Sueno)
    Grundsätzlich eine gute Idee und ein christlicher Grundgedanke. Ich hoffe einfach, dass diese eifrigen Leute beim Geld verdienen auch eine besondere Ethik pflegen und nicht dort die Armen ausnutzen. Unser Wohlstand baut ja leider zu einem grossen Teil auf dem unterschiedlichen Niveau der Volkswirtschaften auf.
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