«Genfer Automobilsalon ist eine Show für ‹Benzinköpfe›»

Harte Worte für die Branche. Wenn der bekannte Zukunftsforscher Lars Thomsen über Autos nachdenkt, dann wird es für die grossen Hersteller kritisch. Lobende Worte findet er zumindest für die Schweiz.

Ein Auto am Autosalon mit besonderen Lichteffekten.

Bildlegende: Innovativ und doch nach altem Muster gebaut: ein Auto am Automobilsalon. Keystone

Wenn am 5. März der Automobilsalon seine Tore öffnet, werden die Besucher die neusten Modelle bewundern und ihre Taschen mit Give-aways auffüllen. Auch Lars Thomsen wird einer der Besucher sein. Der renommierte Zukunftsforscher berät unter anderem Automobilhersteller und bereitet sie auf die Zukunft vor.

Herr Thomsen, am 5. März beginnt der Genfer Automobilsalon. Werden Sie dort sein?

Klar.

Welchen Eindruck hatten Sie letztes Jahr vom Salon?

Man sah vor allem Autos, die noch nach dem alten Muster gebaut wurden. Die Besucher scharten sich um Autos mit grossen Motoren. Der Salon ist eine Show für «Benzinköpfe». Schaut man sich allerdings die Realität in den vielen Megacityies dieser Welt an, so passen diese Produkte nicht mehr Recht ins 21. Jahrhundert. Die Welt da draussen wird nun sehr schnell urban, smart und vernetzt. Und Menschen verändern ihre Werte und Einstellungen zu Mobilität recht dynamisch. Dagegen erscheint Genf noch etwas «altbacken». Kurz: Echte Zukunftskonzepte sieht man am Genfer Automobilsalon kaum.

Wo aber gibt es die?

Auf Elektronikmessen, wie zum Beispiel auf der CES in Las Vegas. Früher war dort vor allem Unterhaltungselektronik zu sehen, heute sind dort fast alle Autohersteller vertreten, die Innovationen rund um «Smart Mobility» zeigen, aber daneben eben auch Google, Samsung und Apple. Diese Industrien gehören mittlerweile zusammen. Und da muss Genf aufpassen, dass sie den Zug nicht verpasst.

Lars Thomsen lächelt in die Kamea

Bildlegende: Zukunftsforscher Lars Thomsen, CEO von future matters AG. ZVG

Sie führen immer wieder an, dass die grossen Autohersteller vor einer ungewissen Zukunft stehen. Aber VW hat letztes Jahr die 10-Millionen-Marke überschritten!

Die Spielregeln ändern sich aber mit der Zeit. Als im 19. Jahrhundert die ersten Verbrennungsmotoren erfunden wurden und das Pferd ablösten, haben nicht die grossen Kutschenhersteller damit etwas angefangen. Aber Opel, ein Nähmaschinenhersteller, und Peugeot, ein Pfeffermühle-Fabrikant, haben die Gunst der Stunde genutzt und schufen eine neue Industrie.

Meine These lautet: Wenn grundlegende Innovationen eine bestehende Industrie treffen, z.B. autonomes Autofahren, neue Produktionsmethoden oder sehr günstige elektrische Antriebe, dann sind die Platzhirsche oft zu träge, um das Potential dieser Umbrüche rechtzeitig zu nutzten.

Nehmen sie als Beispiel die Marke Tesla: Innerhalb von nur 100 Wochen wurden sie mit ihrem vollelektrischen Model S in den USA im Segment der Oberklasselimousinen zum Marktführer und verkaufen mehr als BMW, Jaguar, Audi in diesem Fahrzeugsegment. Auch in der Schweiz zählen sie in diesem Segment zu den Top 3.

Warum gibt es eigentlich keine Schweizer Autofirma, die in hohen Stückzahlen produziert?

Der globale Automarkt ist halt ein unglaublich schwieriger und hart umkämpfter Markt. Hier können sie als neuer Hersteller nur Schritt fassen, wenn sie extrem innovativ, schnell und mit viel Risikokapital ausgestattet sind.

Das gilt auch für innovative, neue Zulieferer: Der Schweiz fehlt es an Risikokapital und -Bereitschaft. Wenn Sie eine super Idee haben und neue Firma gründen wollen, und fünf Millionen Franken benötigen, brauchen Sie in den USA vier Wochen für die Geldbeschaffung. In der Schweiz oft mehr als ein halbes Jahr – und wenn sie dann erst anfangen können, dass ist es meistens schon zu spät.

Kann die Politik hier etwas anrichten?

Die Politik sollte die Rahmenbedingungen für Innovation verbessern und somit Anreize für Innovation schaffen. Eine klare Förderung von Elektroautos, Teststrecken für autonom fahrende Autos würde schon viel für die Innovation in der Schweiz bringen – zumal wir ja hier einige sehr innovative Firmen haben: e-Force, Brusa oder Rinspeed (siehe Textbox) – um nur einige zu nennen.

Wie schätzen Sie die Innovationskraft der Schweiz ein?

Die Schweiz ist sehr innovativ und reich. In der Innovation und Umwelttechnologie muss sie daher eine Leitrolle für die Welt einnehmen: Wenn die Schweizer nicht mitmachen – wer dann?

«Warum nicht eine Teststrecke für intelligente Autos?»

Bundesrätin Doris Leuthard hat den 85. Internationalen Automobilsalon in Genf eröffnet. Die Umweltministerin zeigte sich – angesichts der zahlreichen Innovationen im Bereich der Automobilindustrie – insbesondere fasziniert von intelligenten Fahrzeugen. Die intelligente Fahrweise habe mehr denn je Aktualität, unterstrich Leuthard. «Technisch ist es in Zukunft möglich, sein Auto zu fahren, ohne vor dem Steuer zu sitzen», so die Umweltministerin. Was zurzeit noch fehle, seien konkrete Erfahrungen, sagte Leuthard weiter. Geregelt werden müssten auch Fragen bezüglich Sicherheit, Haftpflichtversicherung und Verkehrsregeln. «Warum eröffnen wir nicht eine Teststrecke, zum Beispiel zwischen Hamburg und Mailand oder zwischen Genf und München?», schlug die Bundesrätin vor. Der 85. Internationale Automobilsalon erwartet während der elf Ausstellungstage rund 700'000 Besucher.

Ein Autovisionär aus Zumikon

Der Budii mit ausgestreckter Kamera

RINSPEED

In den USA wäre Frank M. Rinderknecht ein Star, in der Schweiz kennen ihn wenige. Der Gründer und CEO der Rinspeed AG präsentiert jedes Jahr eine neue Vision am Genfer Automobilsalon. Dieses Jahr wird der «Budii» vorgestellt. Das Besondere: «Budii» fährt autonom.