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Wirtschaft «Glaubwürdigkeit der SNB angekratzt»

Die Schweizerische Nationalbank überrascht die Finanzwelt mit der abrupten Abkehr vom Euro-Mindestkurs. Was steckt dahinter, nachdem das Regime während über drei Jahren hochgehalten wurde? Und was sind die Folgen für die Wirtschaft? Fragen an SRF-Wirtschaftsredaktorin Barbara Widmer.

Die Nationalbank hat den Euro-Mindestkurs drei Jahre und vier Monate nach der Einführung aufgehoben. Der ehemalige Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand sprach am 6. September 2011 von einer «deutlichen und dauerhaften Abschwächung». Man toleriere ab sofort keinen Euro-Franken-Kurs unter 1.20 mehr.

SRF: Wie überraschend ist jetzt die Abkehr?

Barbara Widmer: Das kam sehr überraschend. Mit diesem Szenario hat niemand gerechnet. Es wurde nie in der Öffentlichkeit diskutiert, dass ein solcher Entscheid jetzt anstehen könnte. Allenfalls hat man darüber gesprochen, dass die Nationalbank stufenweise aus dem Mindestkursregime aussteigen könnte. Indem sie zum Beispiel den Franken nicht nur an den Euro, sondern auch an den Dollar koppelt. Aber dieser plötzliche Ausstieg ohne Sicherheitsnetz war kein Thema.

Die Nationalbank begründet, der Franken sei heute nicht mehr so stark überbewertet wie bei der der Festlegung des Mindestkurses – stimmt das?

Das stimmt. Der Franken ist beziehungsweise war nicht mehr so stark. Viele Währungsexperten sagten, ein Kurs von 1.10 pro Euro wäre auch in etwa angemessen gewesen. Es hätte also nicht gerade bei 1.20 pro Euro sein müssen. Das gab der Nationalbank natürlich einen gewissen Spielraum. Spielraum gab aber sicher auch, dass der Dollar gegenüber dem Franken stärker geworden ist. Das hat den Entscheid sicher erleichtert, den Mindestkurs fallen zu lassen.

Gleichzeitig erhöht die Nationalbank ja den Negativzins. Kann sie damit verhindern, dass sich der Franken gegenüber dem Euro jetzt stark verteuert?

Das ist eine sehr interessante Frage. Wir wissen es nicht. Die SNB hat bereits einmal Negativzinsen angekündigt. Die sind aber noch gar nicht wirksam beziehungsweise noch nicht eingeführt. Man wird sehen müssen, ob die mit dem Negativzins vor allem anvisierten ausländischen Banken und Finanzinstitute dann darauf verzichten, ihre Gelder in Franken in der Schweiz zu parkieren, weil sie Strafzins zahlen müssen. Die Nationalbank hat aber bereits heute angetönt, man könne nachlegen, falls der Negativzins von minus Dreiviertelprozent nicht reiche.

Was bedeuten die beiden Massnahmen für die Wirtschaft, für den Tourismus?

Die Folgen für die Wirtschaft sind unterschiedlich. Was den Tourismus betrifft, so können sich Auslandferienreisende über den starken Franken freuen. Für die Schweizer Tourismuswirtschaft ist es keine gute Nachricht, weil die Destination Schweiz teurer wird. Keine gute Nachricht ist es aber auch für die Schweizer Exportwirtschaft, weil ihre Güter und Dienstleistungen im Ausland teurer werden und sie wahrscheinlich weniger verkaufen können.

Die Märkte spielen jetzt gerade verrückt. Der SMI ist stark im Minus. Ist das verantwortungsvoll, was die Nationalbank macht?

Es kratzt bis zu einem gewissen Grad an der Glaubwürdigkeit der Nationalbank. Denn sie hat dreieinhalb Jahre lang mantrahaft verkündet, es werde alles getan, um den Mindestkurs von 1.20 zu verteidigen.

Nun plötzlich wird auf einen Schlag und ohne Vorbereitung dieser Mindestkurs abgeschafft. Ohne Sicherheitsnetz. Von daher gibt es wirklich grossen Erklärungsbedarf. Ich bin sicher, dass die SNB zumindest um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen muss.

10 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Guck, Zurich
    Ein fataler Entscheid für die Schweizer Wirtschaft. Der 1.20 Fehlentscheid vor drei Jahren, kann jetzt aber nicht in einer Nacht- und Nebelaktion augehoben werden, nachdem die SNB andauernd auf dessen Beharrung gepocht hat. Alle welche in der Schweiz Wertschöpfung generieren müssen, haben ihre Planung für dieses Jahr bereits gemacht. Es zeigt sich wieder einmal deutlich, dass die Herren in ihren Naldelstreifen Anzügen ihre Gehälter nich mit Wertschöpfung verdienen müssen.
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  • Kommentar von M.Kaiser, Rebstein
    In keiner Weise ist die Glaubwürdigkeit angekratzt , Herr Jordan kann doch nicht Im Tagesanzeiger bekannt geben, welche Strategie er gegenüber den USEU -Bankrottwährungen zu unternehmen gedenkt . Erst ab diesem Entscheid hat die SNB an Glaubwürdigkeit wieder gewonnen .
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  • Kommentar von P Zunger, Basel
    An Glaubwürdigkeit gekratzt, gegenüber wem? Vielleicht der EBZ oder der EU. Genau das Gegenteil ist der Fall, SNB Führung hat Glaubwürdigkeit gegenüber ihrem "Besitzer", dem CH Volk, gewonnen. Die Banker klagen auch, nicht informiert gewesen zu sein, wohl weil nicht ihre privaten "Geschäftli" noch vorher schnell machen konnten, wie bei der Einführung des Mindestkurses. Weiss von Leuten, die damals über Nacht noch schnell privat ein paar 100'000 Fr Gewinn machten.
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