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Wirtschaft Gnadenfrist für Schweizer Stromproduzenten

Grosse Schweizer Unternehmen können ihre Stromlieferanten frei wählen, nicht aber Haushalte und KMU. Das wird noch eine Weile so bleiben, denn die Marktöffnung kommt nicht vor 2020. Doch das stört in der Schweiz kaum jemanden.

Staumauer mit Stausee, fotografiert von oben.
Legende: Der Schweizer Wasserstrom ist teurer als der subventionierte Strom aus Europa. srf

Der Bund ist im Verzug mit der Strommarkt-Liberalisierung, wie Energieministerin Doris Leuthard bestätigt: «Das ist so. Aber ein Jahr früher oder später spielt nicht eine grosse Rolle», sagt sie. Wichtig sei vielmehr eine breite Akzeptanz für das Vorhaben. Die zusätzliche Zeit wolle sie dazu nutzen, um dies zu erreichen.

Zuerst müsse das Parlament mit der Energiestrategie 2050 die Richtung für den Strommarkt definieren, danach aber wolle sie die vollständige Öffnung vorantreiben. Denn ohne Öffnung des Strommarktes werde es kein Stromabkommen mit der EU geben, betont Leuthard.

Grossfirmen decken sich in Europa ein

Die Verzögerung wird zwar offiziell von vielen bedauert, doch so richtig aufschreien will niemand. Zu stark hat sich der Strommarkt seit Beginn der Liberalisierung vor sechs Jahren verändert. Firmen, die sehr viel Strom brauchen, können seit 2009 ihren Lieferanten auf dem freien Markt, auch im Ausland, wählen.

Anfangs taten dies nur wenige Unternehmen, denn die Preise auf dem internationalen Strommarkt waren höher als jene ihres bisherigen Schweizer Produzenten. In den letzten Jahren hat sich das Blatt aber gewendet, denn die internationalen Strompreise sind abgestürzt.

Einerseits ist im Zuge der wirtschaftlichen Probleme in Europa die Nachfrage nach Strom gesunken, andererseits sind gleichzeitig grosse Mengen subventionierter Strom aus Kohle, Sonne und Wind auf den Markt gelangt. Unterdessen bestellt jeder zweite Schweizer Grossverbraucher Strom vom freien Markt aus dem Ausland. Und es werden immer mehr.

Schweizer Wasserstrom zu teuer

Das schafft Probleme für die Schweizer Stromproduzenten, denn sie bringen ihren Strom, den sie zu grossen Teilen in Wasserkraftwerken generieren, auf dem freien Markt nur los, wenn sie ihn unter den Produktionskosten verkaufen. Deshalb sind sie froh um die rund vier Millionen Privathaushalte und KMU, die ihren Stromanbieter noch nicht wählen können.

Tatsächlich würde das Geschäft für die Schweizer Stromproduzenten deutlich schwieriger, wenn die vollständige Öffnung des Strommarktes bereits heute käme. Das ist auch David Thiel klar. Er ist Geschäftsführer der Industriellen Werke Basel, die an verschiedenen Wasserkraftwerken beteiligt sind.

«Wir denken, dass in der heutigen Situation und in den nächsten Jahren zu viele Unsicherheiten vorhanden sind», sagt Thiel. Entsprechend wäre eine Strommarktöffnung seiner Ansicht nach «eher kontraproduktiv». Die ökologisch sinnvollen Wasserkraftwerke könnten in diesem Fall derart unrentabel werden, dass sie abgeschaltet werden müssten.

Strom wird mit Liberalisierung nicht billiger

Bei anderen Schweizer Stromproduzenten tönt es ähnlich: Grundsätzlich legen sie grosse Hoffnungen in die vollständige Liberalisierung, doch zuerst müssten die künstlichen Ungleichgewichte auf dem Markt beseitigt werden, welche durch die Subventionen besonders im Ausland entstanden sind.

Gegenüber einer Liberalisierung skeptisch sind auch die Privathaushalte und KMU. Zwar könnten sie mit der vollständigen Marktöffnung den Produzenten frei wählen, doch günstiger würde der Strom für sie kaum werden.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Bob Green (Bob Green)
    Liberalisierung (und Freihandel) sind genau wie unregulierter Kapitalismus. Sie nützen ausschliesslich den stärksten Firmen, welche dann mit allen Tricks die Konkurrenz langsam abtöten können. Auf dem Papier sieht alles gut aus, doch die Realität ist von hinterhältigen Strategen geprägt.
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  • Kommentar von A Züger (zua)
    "Liberalisierung" geht so: Abnehmer werden kurzsichtig den via massive EU Subventionen verbilligten Strom nehmen, Geld fliesst aus CH ab, CH Kraftwerke verlottern vollends. EU Politiker beginnen CH "Rosinenpickerei" vorzuwerfen. BR wird nachgeben und CH wird genötigt, vollen Preis zu zahlen. Zurück zu Selbstversorgung geht nicht mehr, wäre Inlandsbevorzugung, und eigene Kraftwerke funktionieren nicht mehr. Am Ende zahlt CH massive EEG Planwirtschaft Subventionen, womit Ziel der EU erreicht ist.
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  • Kommentar von A. Moser (AM)
    "Denn ohne Öffnung des Strommarktes werde es kein Stromabkommen mit der EU geben, betont Leuthard." Wollen wir das denn überhaupt, bzw. brauchen wir das? Ich kenne mich in dem Dossier zuwenig aus, frage mich aber schon, was denn die Kehrseite von diesem Abkommen ist. Könnte es sein, dass wir dann verpflichtet sind, Strom an die EU zu liefern, wenn diese z.B. einen Unterbruch haben - und damit unsere eigene Grundversorgung z.G der EU opfern?
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