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Wirtschaft «Griechenland braucht Investitionen – und deshalb Vertrauen»

Den Griechen stehen zwei schwierige Jahre bevor. Das glaubt der Chefökonom der ZKB, Anastassios Frangulidis. Danach könnten die Reformen Früchte tragen. Allerdings nur, wenn Griechenland das Vertrauen der Investoren und Sparer zurückgewinne. Deshalb müsse die Regierung die Abmachungen einhalten.

Legende: Video «Frangulidis: «Griechenland erwartet eine Herkulesaufgabe»» abspielen. Laufzeit 1:45 Minuten.
Aus Tagesschau vom 13.07.2015.

Anastassios Frangulidis kennt die Wirtschaft. Und er kennt sein Heimatland. SRF hat den Chefökonomen der Zürcher Kantonalbank (ZKB) gefragt, was die wichtigsten Punkte der heute erzielten Einigung sind. Und wie schädlich oder gut diese Punkte für Griechenland sind.

SRF: Kann Griechenland mit dieser Einigung vorwärts kommen?

Anastassios Frangulidis: Die griechische Bevölkerung und Regierung erwartet eine Herkulesaufgabe. Zuerst muss die Regierung viel sparen. Gleichzeitig muss sie viele Reformen umsetzen.

Welches ist die wichtigste Reform?

Diese betrifft die Privatisierungen, aber auch die Reform der öffentlichen Verwaltung. Sie soll entpolitisiert werden, besser funktionieren. Für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes ist das äusserst wichtig.

Wie lange wird das dauern?

Es wird Jahre brauchen, bis die Reformen Früchte tragen. Aber wichtig ist, dass man mit den Reformen beginnt und die Fehler der Vergangenheit beseitigt.

Wird die griechische Wirtschaft nun in eine Rezession fallen?

Als Folge der Sparmassnahmen wird Griechenland in die Rezession zurückkehren. Die Griechen erwarten zwei schwierige Jahre. Wichtig ist, dass man das Vertrauen gegenüber Griechenland wieder gewinnt und die griechischen Politiker in der Lage sind, die abgesprochenen Massnahmen umzusetzen.

Griechenland ist bereits produktiver geworden. Seit drei Jahren geht eine interne Abwertung vor sich. Die Lohnkosten gingen um 20 Prozent zurück.
Autor: Anastassios FrangulidisChefökonom ZKB

Was braucht es, damit Griechenland wirtschaftlich wachsen kann?

Das Land braucht erst mal ein grosses Investitionsprogramm. Dann eine Reduktion der Schulden-Finanzierungskosten, also eine Schuldenrestrukturierung. Und zuletzt braucht es auch einen effizienteren Staatsapparat.

Griechenland leidet auch unter dem starken Euro. Wie kann es so wieder Produktivität gewinnen?

Griechenland hat die Kosten bereits massiv reduziert. Die interne Abwertung dauert nun schon drei Jahre. Die griechischen Lohnstückkosten sind um 20 Prozent zurückgegangen. Da ist Griechenland produktiver geworden. Was Griechenland braucht, sind wieder mehr Zuversicht und Reformen im Bereich der öffentlichen Verwaltung.

Bis jetzt hat Griechenland zu viel importiert. Was fehlt, ist die Industrie.

Es braucht Investitionen – sowohl öffentliche als auch private. Deshalb ist es wichtig, dass die Diskussion um einen möglichen Grexit an Bedeutung verliert.

Mit dem Tourismus und der Schifffahrt hat Griechenland zwei starke Industrien. Auch die Energie oder die Generika haben Wachstumspotenzial.
Autor: Anastassios FrangulidisChefökonom ZKB

Welche Industrien könnte Griechenland fördern?

Griechenland hat mit dem Tourismus und der Schifffahrt zwei starke Industrien. Es gibt weitere Bereiche, in denen Griechenland wachsen kann. Dazu gehört etwa die Energie oder die Generika. Griechenland ist ein grosser Erzeuger von Generika.

Eine zweite Forderung betrifft die Mehrwertsteuer. Würde deren Erhöhung Griechenland schaden?

Eine Erhöhung wäre bestimmt keine gute Nachricht. Insbesondere für den Tourismus und die Restaurants. Das wird sicher einen negativen Einfluss auf die konjunkturelle Entwicklung in der nächsten Zeit haben.

Würden Sie zum jetzigen Zeitpunkt in Griechenland investieren?

Wichtig ist, dass die Schulden umstrukturiert werden. Erst dann kann man in Griechenland wieder Chancen finden. Erst dann lohnt sich eine Investition.

Wie lange wird das dauern?

Es ist wichtig, dass die Frage der Schuldenumstrukturierung im Verlaufe dieses Jahres geklärt wird. Sonst wird die griechische Volkswirtschaft nicht wieder stark wachsen können.

Die Frage der Schuldenumstrukturierung muss dieses Jahr noch gelöst werden. Sonst wird die Wirtschaft nicht erneut wachsen können.
Autor: Anastassios FrangulidisChefökonom ZKB

Was sind die Risikofaktoren?

Das grösste Problem ist die politische Unsicherheit. Damit die Reformen wie abgemacht umgesetzt werden können, sollten sämtliche Grossparteien im Parlament zusammenarbeiten. Eigentlich bräuchte es eine Regierung der nationalen Einheit.

Die Banken sind im Moment geschlossen. Werden sie überleben?

Gemäss dem Plan aus Brüssel sollen die Banken mit 25 Milliarden Euro kapitalisiert werden. So können sie überleben, solvent sein. Wichtig ist, dass das Vertrauen der griechischen Sparer in die Bankenwelt zurückkehrt. Sodass die Ersparnisse, die vom Bankensystem abgezogen wurden, wieder zurückkehren.

Das Interview führte Marianne Fassbind.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Maruhn, Düren
    Glücklicher Weise ist Vertrauen käuflich, denn Erfolg ist, wenn jene auf viele Entscheidungen zurückblicken und sich dabei ein breites Grinsen in ihren Gesichtern manifestieren. Ds ist ein lobenswerter Brauch: Wer was Gutes bekommt, der bedankt sich auch. (Wilhelm Busch)
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  • Kommentar von D. Schmidel, St. Gallen
    Da diese neuen über 80 Mia Euro wiederum vom Steuerzahler in den Sand gesetzt werden, kann das der Wirtschaft nur recht sein. Das einzige Recht des Steuerzahlers ist, alle 4 Jahre einen Parlamentarier zu wählen, der dann machen kann, was er will.
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  • Kommentar von Bruno Vogt, Zürich
    Was die Griechen brauchen oder gebraucht hätten, ist ein Schuldenerlass und eine eigene Währung mit der die Regierung wieder Zinsen zu bezahlen hätte die dem tatsächlichen Risiko des Landes entsprechen und bei dem die Banken für die Schulden haften. Griechenland braucht Reformen, ja aber mit dem aktuellen Hilfsprogramm ist die Schuldenlast gleich noch einmal gestiegen auf 200% des BIP, eine Zahl welche die Griechen niemals werden bezahlen können. Das sollte ihr Landsmann Frangulidis auch wissen!
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