Zum Inhalt springen

Wirtschaft Grübel: «Der Franken trägt nicht Hauptschuld an Job-Verlusten»

Wenn nicht der Franken-Euro-Schock schuld am Stellenabbau bei den Firmen ist, was ist es dann? Ex-UBS-Chef Oswald Grübel über den Frankenschock, bevorstehende Verwerfungen an den Aktienmärkten und die neuen Eigenkapitalvorschriften für die Banken.

SRF News: Sie waren schon immer der Meinung, die Anbindung des Frankens an den Euro sei falsch. Warum?

Oswald Grübel: Die Nationalbank müsste derart viel Geld drucken und dermassen viel Fremdwährung kaufen, dass es unverantwortlich wäre. Es gibt Leute die behaupten, die SNB könne unbegrenzt Schweizer Franken ausschütten und Euro kaufen. Das ist Blödsinn. Es funktioniert deshalb nicht, weil ab einem gewissen Punkt die Nationalbank – und damit auch der Schweizer Franken – jede Glaubwürdigkeit verlieren und das Land in eine Krise stürzen würden.

Ex-UBS-Boss und EX-CS-Boss Oswald Grübel.
Legende: China in der Krise: «Firmen, die in diesem Umfeld marginal wettbewerbsfähig sind, werden verschwinden», so Grübel. Keystone

Warum genau würde die SNB an Glaubwürdigkeit verlieren?

Die SNB hat heute international schon den Ruf, eine populistische Geldpolitik zu führen und die anderen Zentralbanken in der Welt würden ihr nicht mehr vertrauen. Die Bilanzsumme der SNB ist nahe am Bruttosozialprodukt der Schweiz. Es gibt keine seriösen Länder mit einer so hohen Bilanzsumme, wie sie die SNB ausweist.

Sie sehen keine Alternative zum jetzigen Handeln der SNB?

Nein. Leider hat sie zu früh zu viele Euros gekauft, um den Franken abzuwerten. Jetzt hat sie diese Hypothek, auch noch in den kommenden Jahren. Die Bilanzsumme der SNB ist ein Risiko für das gesamte Land.

Jetzt hat aber die SNB mit der Loslösung des Frankens vom Euro die Firmen in Schwierigkeiten gebracht. Diese streichen nun reihenweise Stellen oder lagern Jobs aus.

Es ist nicht nur der Franken, obwohl viele das immer als Grund angeben. Die Exporte sind in den ersten 9 Monaten nur um 5,3 Milliarden Franken gefallen, zirka 4 Prozent, gegenüber einer Aufwertung von zirka 10 Prozent. Die Importe sind um 10,6 Milliarden Franken gefallen. Voraussichtlich wird die Schweiz dieses Jahr den grössten Handelsbilanzüberschuss aller Zeiten erwirtschaften, über 30 Milliarden Franken. Viel wichtiger als der starke Franken ist bei den möglichen Job-Verlusten der Fakt, dass das Wirtschaftswachstum in der Welt rückläufig ist und unsere Exporte nach China und Hongkong eingebrochen sind.

Dann könnten die Firmen ja sagen, Asien sei schuld.

Die Firmen schreiben die Schuld dem Franken zu, weil sie hoffen, so die Politiker unter Druck setzen zu können. Klar, mit einem fixen Wechselkurs hätten die Firmen ein Risiko weniger. Aber Planungssicherheit gibt es erst, wenn Sie im Himmel oder in der Hölle sind.

Trotzdem, die Industrie trifft es hart. Mehr als die Hälfte aller Exporte der Schweiz gehen in den Euroraum. Diese Firmen leiden.

Ja, aber wir leiden unter dem starken Franken – wenn Sie das Wort leiden verwenden wollen – seit über 40 Jahren. Der Franken hat sich stetig aufgewertet. Es ist nun mal so: So lange wir Handelsbilanzüberschüsse erwirtschaften, bleibt der Franken stark.

Was sind Ihre Erwartungen bezüglich der Entlassungen? Wird da noch eine Welle kommen?

Im Moment wächst die Weltwirtschaft wenig. Dies wird sich voraussichtlich auch nicht ändern. Die Wachstumszahlen von asiatischen Staaten wie China werden noch weiter zurückgehen. Die Aussichten für die Schweizer Firmen sind also nicht besser als in anderen Ländern. Firmen, die in diesem Umfeld marginal wettbewerbsfähig sind, werden verschwinden. Wir müssen vielleicht mit noch mehr Jobverlusten rechnen.

Legende: Video Massiver Stellenabbau bei Rieter abspielen. Laufzeit 3:55 Minuten.
Aus Tagesschau vom 20.10.2015.

In welchem Umfang?

Das kann niemand sagen.

Es gibt die These, dass Firmen ihre Entlassungen bewusst erst nach den Wahlen angekündigt haben, um der SVP und der FDP nicht zu schaden. Was ist da Ihrer Meinung nach dran?

Das habe ich noch nicht gehört, ist aber eine schöne Geschichte um Wahlverluste zu erklären.

Von der Schweizer Politik zur globalen Wirtschaft: Das billige Geld der Zentralbanken befeuert die Aktienmärkte. Wann platzt diese Blase?

Die «Aktienblase» wird in dem Moment platzen, in dem die Zentralbanken die lockere Geldpolitik aufgeben. Aber solange wir die Nullzinspolitik haben, werden weiterhin viele in Aktien investieren. Denn wenn ich keine Zinsen auf meinem Konto erhalte, dann kaufe ich Sachanlagen wie Edelmetalle, Immobilien oder eben Aktien. Selbst wenn es der Wirtschaft in nächster Zeit nicht sonderlich gut gehen wird, wird deshalb weiter Geld in die Aktienmärkte fliessen.

Ihre Prognose: Wie lange wird die lockere Geldpolitik der FED und der EZB noch andauern?

Das weiss ich nicht. Sicher ist, die Nullzinspolitik der Zentralbanken ist Augenwischerei. Die Firmen werden deswegen nicht mehr investieren. Je länger die Nullzinspolitik anhält und Geld in die Aktienmärkte fliesst, umso mehr Glaubwürdigkeit verlieren die Zentralbanken. Wir wissen alle: Je mehr Geld gedruckt wird, desto weniger Wert hat es.

Bisher ist nichts passiert.

Man sollte das zwar nicht sagen, aber ich glaube, dass es dieses Mal anders herauskommt. Die Zentralbanken haben in einem solchen Ausmass Geld gedruckt wie nie zuvor. Sie behaupten, sie hätten alles im Griff. Das bezweifle ich. Es wird irgendwann zu einer enormen Geldentwertung kommen. Und zwar dann, wenn das Vertrauen in unser Geld verloren geht. Dann kommt zu neuen oder angepassten Währungen, bei denen man eine Null wegstreicht.

Das tönt etwas nach Apokalypse.

Es muss nicht soweit kommen. Für einen solchen Crash müssten wir noch 10 bis 15 Jahre so weitermachen. Ausschliessen kann man es aber nicht.

Der Bundesrat hat letzthin die Eigenkapitalvorschriften für Banken nochmals verschärft. Wenigstens da gibt es mehr Sicherheit.

Im Moment scheint man absolut sichere Banken haben zu wollen. Das kann man haben, es kostet aber viel. Denn um die Kapitalanforderungen zu erfüllen, müssen die Banken ihre Bilanzen weiter reduzieren. Also geben die Banken weniger Kredite. Und wenn Banken ihre Bilanz reduzieren, kann die Wirtschaft nicht wachsen. Punkt.

Die kleine Schweiz hat aber mit den grossen Banken ein Klumpenrisiko.

Es ist trügerisch zu glauben, mehr Kapital und mehr Transparenz seien das Allheilmittel für mehr Sicherheit. Was nützten diese Vorschriften, wenn sie ein schlechtes Management haben? Als ich im Bankgeschäft angefangen habe, in den 60er Jahren, da war dies ein Beamten-Job. Diejenigen machten Karriere, die die Regeln auswendig konnten, aber vom Geschäft nicht unbedingt viel wussten. Es scheint dahin gehen wir jetzt wieder.

Was ist so schlimm daran, wenn die Banker wieder zu Beamten werden?

Ich sag nicht, dass es schlimm ist. Aber es werden einfach Jahre mit sehr wenig Wirtschaftswachstum kommen.

Die Credit Suisse wird wieder eine Volksbank. Was sagen Sie zur neuen Strategie?

Dazu äussere ich mich nicht. Beobachten Sie den Aktienkurs.

Das Gespräch führte Christa Gall.

Zur Person

Oswald Grübel (71) war von 2009 bis 2011 CEO der UBS. Zuvor war er von 2003 bis 2007 CEO der Credit Suisse. Aufgrund des Betrugsfalls von Kweku Adoboli übernahm er die Verantwortung und trat im September 2011 als CEO der UBS zurück.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

15 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Stefan Faes (Stefan Faes)
    Prämisse: Wirtschaftswachstum ist notwendig. Die folgenden Zahlen gehen von einem globalen Wachstum von 2% pro Jahr aus: in 35 Jahren wird sich die Wirtschaftsleistung verdoppelt, in 56 Jahren verdreifacht, in 70 Jahren vervierfacht haben. In 100 Jahren beträgt der Faktor 7.42, in 150 Jahren 19.5, in 200 Jahren 52.48. Hey Leute, das schaffen wir! Schliesslich hat unser Planet unendliche Ressourcen. Yippiayeh und Toitoitoi.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Bruno Vogt (b.vogt)
    In unserem Wirtschaftssystem müssen immer mehr Kredite entstehen. Dies hat bisher gut funktioniert, da die Wirtschaft immer gewachsen ist und sich das Verhältnis Schulden-Wachstum einigermassen die Wage hielten. Hr Grübel sagt richtig, die Zentralbanken versuchten verzweifelt die Kreditmenge noch weiter zu erhöhen ohne das dies noch Wachstum in der Realwirtschaft erzeugt. Das Geld fliesst alles in die Aktien- und Immobilienmärkte und bildet dort Blasen. Unser Geldsystem hat mehr als nur Fieber!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von N. Schmid (Schmid)
    Gemäss konservativer Schätzung des IMF hat die von den Banken bzw. von überbezahlten laisser-faire Advokaten wie O.G. verursachte Finanzkrise $11'900 Milliarden gekostet. Nur angenommen man hätte diesen Betrag stattdessen in Windkraft investiert, würde diese Windkraft mehr als doppelt so viel Strom produzieren, wie alle Kohlekraftwerke der Welt zusammen (wohlgemerkt Kohlekraft verursacht 40% der CO2-Emissionen weltweit.) Warum bietet SRF solcher Lernresistenz überhaupt eine Plattform?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen