Gut verdienen mit wenig Bildung – das war einmal

Immer mehr Menschen in der Schweiz haben entweder eine sehr gut bezahlte Stelle oder dann aber eine einfache, schlecht bezahlte. Die klassischen «Mittelstands-Jobs», wo auch durchschnittlich Ausgebildete noch gut verdienten, verschwinden zusehends, wie eine Studie der Universität Zürich bestätigt.

Büro- und Handwerksberufe wie auch einfache Berufe in der Industrie gibt es immer weniger, wie Ökonom Andreas Beerli darlegt. Viele dieser klassischen «Mittelstand-Jobs» der Nachkriegs- und Babyboomer-Generation seien entweder wegautomatisiert oder ins Ausland verlagert worden.

Der Trend setzte gemäss Beerli ungefähr 1980 ein, als die ersten Computer aufkamen. Die Technisierung zwang die Schweizer Unternehmen gleichzeitig, immer mehr gut ausgebildete Fachkräfte zu rekrutieren. Gebraucht wurden deutlich mehr Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler und Führungskräfte.

«  Die Schweiz ist kein Sonderfall. »

Andreas Beerli
Ökonom, Universität Zürich/ETH

Rolltreppe

Bildlegende: Mit guter Aus- und Weiterbildung nach oben oder unten bleiben. Der CH-Arbeitsmarkt hat sich polarisiert. Keystone/Archiv

Die Polarisierung des Arbeitsmarktes ist in anderen westlichen Ländern ähnlich verlaufen und hat vor allem Folgen für die «mittelgut» ausgebildete Bevölkerungsschicht. Beerli spricht von einer «Polarisierung».

So zieht es junge Leute, die im Mittelstand einsteigen, häufig in Berufe im oberen Lohnsegment. «Einfach eine Schreinerlehre oder das KV machen und dann eine Lebensstelle praktisch auf sicher haben, das funktioniert nicht mehr», sagt Beerli, der kürzlich von der Universität Zürich an die ETH gewechselt hat.

Die Verschiebungen beobachtet auch der Arbeitsmarkt-Ökonom George Sheldon von der Universität Basel: «In der Manufaktur und im verarbeitenden Gewerbe konnte man früher ohne hohen Bildungsstand sehr gut verdienen. Das bildete quasi einen Mittelstand. Heute ist Bildung immer mehr gefragt.»

«  In der Manufaktur und im verarbeitenden Gewerbe konnte man früher ohne hohen Bildungsstand sehr gut verdienen. »

George Sheldon
Arbeitsmarkt-Ökonom, Universität Basel

Laut Sheldon geht es dabei nicht nur um die Bildung durch Universitäten und Fachhochschulen. So sei Weiterbildung auf dem erlernten Beruf wichtiger denn je. Dies belege auch die Arbeitslosenstatistik, wo seit den 1990er Jahren eine Schere beim Bildungsstand aufgehe. In den beiden vorigen Jahrzehnten habe es diese Streuung nicht gegeben.

Keine US-Verhältnisse

Die Verlierer dieses schleichenden Prozesses sind gemäss Sheldon Menschen ohne Berufsausbildung: «Sie fallen aus dem schrumpfenden Segment der Mittelstands-Berufe heraus.»

Personen ohne oder mit einer schlechten Bildung sind in der Schweiz tatsächlich überdurchschnittlich stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Anders ist es beispielsweise in den USA, wo es deutlich mehr einfache Jobs gibt, etwa als Fastfood-Verkäufer oder Reinigungskraft. Das sind laut Sheldon dann allerdings Anstellungen zu sehr tiefen Löhnen, wie man sie in der Schweiz kaum kennt.

Polarisierung wird weitergehen

Warum sich die Arbeitsmärkte im Tieflohn-Segment unterschiedlich entwickelt haben, wurde laut Beerli noch nicht erforscht. Zusammen mit Sheldon ist er aber überzeugt, dass sich der Schweizer Arbeitsmarkt weiter polarisieren wird. Bleiben damit schlecht ausgebildete Arbeitskräfte künftig vermehrt auf der Strecke?

Sheldon relativiert: In der Schweiz bedeutete dies zwar eine vermehrte Arbeitslosigkeit unter schlecht Ausgebildeten. Sie sei aber nicht sehr stark geworden. Zugleich nehme die Beschäftigung allgemein immer noch um ein Prozent pro Jahr zu, was sehr hoch und im Rest von Europa nicht zu finden sei.

Der Schweizer Arbeitsmarkt sei so gesehen in einer beneidenswerten Verfassung, bilanziert Sheldon. Für all diejenigen, die mangels Aus- und Weiterbildung aus dem Arbeitsmarkt fallen, dürfte das allerdings ein schwacher Trost sein.