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Wirtschaft «Helikoptergeld»: Kniff oder eher Verzweiflungstat?

Die Geister scheiden sich am «Helikoptergeld». Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hält es für ein «interessantes Konzept». Volkswirtschaftler sind eher skeptisch, wenn der Staat seinen Bürgern Geld schenkt, damit sie es der Wirtschaft geben.

Legende: Video «Diskussion um «Helikoptergeld»» abspielen. Laufzeit 2:22 Minuten.
Aus Tagesschau vom 28.03.2016.

Wegen ihm ist dieses Thema hoch aktuell: Mario Draghi. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) bezeichnete die Massnahme des «Helikoptergeldes» vor zwei Wochen an einer Medienkonferenz als «interessant». Bisher habe man dieses Konzept aber noch nicht diskutiert.

Legende: Video «Quote von EZB-Chef Mario Draghi» abspielen. Laufzeit 0:12 Minuten.
Vom 28.03.2016.

Idee eines Nobelpreisträgers

Seit dieser Aussage wird die Bemerkung Draghis unter Ökonomen heiss diskutiert. Dies umso intensiver, als die bisherigen Massnahmen wie tiefe Leitzinsen oder gar Negativzinsen die Wirtschaft nicht in Schwung gebracht haben.

Die Idee des «Helikoptergelds» stammt freilich nicht aus Draghis Küche. Den Begriff prägte Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman. Im Wesentlichen steckt hinter ihm das Ansinnen, mit einer massiven Ausweitung der Geldmenge durch die Notenbank eine Kreditklemme – also eine Deflation – zu verhindern.

Die Idee ist, dass der Bürger das an ihn verschenkte Geld ohne Gegenleistung oder Bedingungen sofort wieder auf den Putz haut und somit die lahmende Wirtschaft beflügelt. 1200 Franken für jeden Schweizer Bürger – das fordert ein Wirtschaftsverband. Nicht alle sind von der Tauglichkeit der Idee so angetan.

Legende: Video «Quote von Prof. Mathias Binswanger» abspielen. Laufzeit 0:29 Minuten.
Vom 28.03.2016.

«Helikoptergeld» ist verboten

Mathias Binswanger glaubt nicht daran, dass solche Giesskannen-Massnahmen gross Früchte tragen. Im Interview mit der «Tagesschau» spricht der Professor für Volkswirtschaft an der Fachhochschule Nordwestschweiz von «kurzfristigen Effekten». Sobald man die Massnahme wiederhole, würden auch diese geringen Effekte noch verpuffen.

Auch für die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist dies kein gangbarer Weg. Sie betont, «Helikoptergeld» sei gesetzlich verboten.

Das «Helikoptergeld» gilt also bisher als Tabu. Aber auch Negativzinsen waren einst eine geldpolitisch-utopische Massnahme. Die Nationalbank könnte demnach trotzdem unter Druck geraten, sollte die EZB zur Lösung mit dem sogenannten «Helikoptergeld» greifen.

29 Kommentare

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  • Kommentar von c jaschko (let there be peace on earth)
    Am ende werden die Menschen Europas doch noch begreifen dem Kapitalismus ein Ende zu bereiten und dass wir nur so viel produzieren sollen wie wir für den Gebrauch brauchen :-) Es gibt keine Qualität mehr es wird immer der Billigste Arbeiter , der Billigste Rohstoff die Billigste Produktions Stätte ausgewählt um die Maximalen Profite herauszuwirtschaften :-) Wir sind eine Welt der Minimalen und Ausreichenden Standarde :-) Schulden Schnitt und Neu Anfang für alle im Europa ist die einzige Lösung !
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Das ist ein zwar überdenkenswerter Ansatz, aber nicht die Lösung. Solange die danach übrig bleibenden Startbedingungen für den Neuanfang dermassen unterschiedlich sind, hilt der Schuldenschnitt alleine nicht. Das wäre höchstens in einem abgeschlossenen Wirtschaftsraum mit klar zugeteilten Produktionsverantwortungen, -güterzuteilungen und Einheitspreisen für Produktionsfaktoren und Produkte erfolgversprechend. Etwas viel "Sozialismus"; diese Einigkeit wird Europa nie hinbekommen.
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    2. Antwort von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
      Schuldenschnitt ist nur möglich, wenn man die Schuldenmacher unter Aufsicht stellt und ihnen die neuerliche Schuldenaufnahme verunmöglicht. Sonst machen sie weiter wie bisher, schliesslich hat es sich ja gelohnt. Ein Schuldenschnitt bestätigt und belohnt die Schuldner, das ist alles.
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  • Kommentar von Jean-Phillippe Ducrey (Jean-Phillippe Ducrey)
    Es scheint wirklich schlimm um Europa zu stehen, wenn solche Ideen herumgeistern. Vielleicht hilft folgende Erkenntnis weiter: Europa hat bei jeder grösseren Wirtschaftskrise einen Krieg angefangen, alle zusammengeschlagen und danach wieder aufgebaut. Allzuweit ist man ja davon nicht mehr entfernt.
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  • Kommentar von paul waber (sandokan)
    Wir konsumieren und konsumieren und schmeissen alles möglichst schnell wieder weg, damit noch mehr und schneller produziert werden kann. Wir drucken aus dem nichts Geld und nehmen Kredit auf ohne Ende, damit alles angekurbelt werden kann. Hauptsache die Wirtschaft wächst und wächst. Hat sich schon mal einer überlegt, ob wir nicht irgendwie krank sind?
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Glücklicherweise mehren sich die Stimmen, die in Ihrem Chor harmonisch mitsingen können. Leider sind wir im Moment noch den Produzenten ausgeliefert, die die "Verfalldaten" der Produkte immer kürzer fassen. Hatten wir einmal eine Kaffeemaschine, muss diese nach einem Defekt dringend ersetzt werden, weil wir uns daran gewöhnt haben. Von Sucht(Krankheit) mag noch niemand sprechen, auch wenn unser Verhalten deren Symptomen entspricht.
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