«Ich gebe jedem eine Chance – aber nicht zwei»

Der breiten Öffentlichkeit wurde Etienne Jornod eher als glückloser Präsident der NZZ bekannt. Morgen muss er sich an der NZZ-GV den Aktionären stellen. Der Mediennovize führt aber in erster Linie den Milliardenkonzern Galenica – und dies äusserst erfolgreich. SRF hat ihn einen Tag lang begleitet.

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Jornod: «Es gibt keine Limite, alles ist möglich»

3:39 min, aus 10vor10 vom 10.4.2015

Obwohl er einem Milliardenkonzern vorsteht ist Etienne Jornod, Verwaltungsratspräsident der Galenica-Gruppe und der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), der breiten Öffentlichkeit kein geläufiger Name. Bei einem Besuch der verschiedenen Betriebszweige der Galenica, gibt er sich im Interview mit SRF offen und erklärt was ihn an-, um- und vertreibt.

Die Karriere in der Gesundheits- und Pharmabranche beginnt nach der Sekundarschule. Im Alter von 16 Jahren findet Etienne Jornod eine Lehrstelle als Drogist in Biel. Dem Wunsch der Eltern habe dies nie entsprochen: «Ich bin immer ein schwieriges Kind gewesen, hatte Mühe in der Schule und meine Eltern wussten nicht, was sie mit mir machen sollten.» Den Grund für Jornods schlechte schulische Leistungen kannte damals niemand. Heute ist die Diagnose klar: Jornod ist Legastheniker.

«  «Meine Eltern wussten nicht, was sie mit mir machen sollten.» »

Etienne Jornod
Verwaltungsratspräsident Galenica und NZZ

Gleich nach seinem Lehrabschluss zieht es Etienne Jornod zu Galenica. Das Unternehmen war damals vor allem ein Zulieferer für Apotheken in der ganzen Schweiz. Galenica investierte in Jornod und gab ihm die Chance, sich akademisch weiterzubilden. Er studierte Betriebswirtschaft an der Universität Lausanne und kehrte 1981 als Assistent der Geschäftsleitung zu Galenica zurück. Vor fast zwanzig Jahren macht ihm die Chefetage ein überraschendes Angebot: Konzernleiter. Jornod braucht nur eine Nacht, um sich zu entscheiden.

Etienne Jornod zeigt etwas mit seinen Händen an der Pressekonferenz der Galenica

Bildlegende: Abschalten könne er nur mit der Familie, erklärt Etienne Jornod Keystone

Erfolgsgeschichte der Galenica

Unter Jornods Führung legt die Galenica einen kometenhaften Aufstieg hin: «Wir waren damals 900 Mitarbeiter, heute sind wir 8000. Der Wert von Galenica war 200 Millionen, heute ist er fast acht Milliarden.» Etienne Jornod kommt ins Schwärmen wenn er von «seiner» Galenica erzählt. Stolz führt er durch die Produktionshallen des Eisenpräparatehersteller Vifor in Sankt Gallen – dem profitabelsten Zweig der Galenica. Vom Produktionsprozess verstehe er nicht viel. Interessiert sei er trotzdem: «Ich versuche zu verstehen, aber die Spezialisten sind da, um mir das zu erklären.»

Was auffällt: Die Spezialisten sind jung. Das Verhältnis mit den Jungen in seiner Firma ist Jornod äusserst wichtig. Er gründete darum vor Jahren ein Jungkomitee, um jederzeit den Puls der Jungen in der Galenica fühlen zu können.

«Wenn die NZZ sich nicht verändert geht sie unter»

Von Sankt Gallen gehts nach Niederbipp (BE). Zu Galexis, dem Medikamentengrosshändler der Galenica-Gruppe. Dafür nimmt Etienne Jornod den Zug. «Wenn ich zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo sein muss, reise ich immer mit dem Zug.»

Im April 2013 übernimmt Jornod das Verwaltungsratspräsidium der Neuen Zürcher Zeitung. Obwohl er im Mediengeschäft ein Novize ist, will er das traditionsreiche Verlagshaus umbauen: «Die Medienwelt verändert sich seit ein paar Jahren total. Und wenn die NZZ sich nicht wie die anderen Medienunternehmen verändert geht sie unter. Deshalb muss man etwas unternehmen und das ist genau was wir machen.»

Causa Somm: «Wir haben uns nicht gefunden»

Vor allem die Werte der NZZ seien ihm enorm wichtig: «freiheitlich, liberal, unternehmerisch, Respekt vor Menschen, die für mich aber auch als Chef von Galenica sehr wichtig sind.» Im Dezember 2014 kommt es jedoch zum Eklat. Der Verwaltungsrat entlässt den langjährigen Chefredaktor und publizistischen Leiter der NZZ, Markus Spillmann und versucht den als konservativ geltenden Markus Somm – Chefredaktor der Basler Zeitung – an seiner Stelle zu installieren.

Der Deal platzt auch aufgrund heftiger Proteste seitens der Belegschaft und aus freisinnig-bürgerlichen Kreisen. Vor allem Somms Nähe zu konservativen Grössen wie Christoph Blocher, stösst damals auf Ablehnung. Auf die «Affäre Somm» angesprochen, versucht Etienne Jornod erstmals einer Frage auszuweichen: «Wir hatten diese neue Organisation im Visier. Wir planten und plötzlich ist dieser Name Somm aufgetaucht und es war ganz klar, dass wir diesen Namen genau studieren. Es gehört zum Job des Verwaltungsrates, systematisch die beste Kandidatur zu analysieren und wir haben uns nicht gefunden.»

«Totale Transparenz und Ehrlichkeit»

Am Fliessband der Galexis wird Etienne Jornod sentimental. An dem Ort, an welchem früher das Kerngeschäft der Galenica-Gruppe abgewickelt wurde, versucht er seine Unternehmensphilosophie und seinen Geschäftstrieb zu erklären. Sichtlich stolz erzählt er, wie die Galenica von «einer Grossistin mit einer super Bilanz» zu einem weltweit anerkannten Milliardenkonzern herangewachsen sei.

Das Distributionszentrum von Galexis in Niederbipp (BE)

Bildlegende: Galexis-Distributionszentrum in Niederbipp: Jornod gewährt den Mitarbeitern viele Freiheiten – im Tausch für Vertrauen. Keystone

Die Befriedigung, welche durch erreichte Ziele entstünde, sei der Motor welcher ihn antreibe. Die meisten Ziele könne er aber nur dank einem starken Kollektiv erreichen. Darum lässt Jornod seinen Mitarbeitern relativ freie Hand: «Wenn wir in eine Richtung gehen wollen, ist jeder frei die Mittel zu wählen.» Im Tausch für dieses Vertrauen verlangt Jornod «totale Transparenz und Ehrlichkeit.»

«Ich gebe jedem eine Chance – aber nicht zwei»

Enttäuschtes Vertrauen sieht Etienne Jornod als «dramatische Niederlage». Jede Entlassung als persönlichen Fehler, welcher durch die Fehleinschätzung eines Charakters entstanden sei. Hart bleibt er in solchen Fällen aber trotzdem. Er «gebe jedem eine Chance – aber nicht zwei.»

Bei der Frage, ob er denn je abschalten könne, kann Etienne Jornod ein breites Grinsen aufsetzen. «Ich kann das nur mit meiner Familie.» Reisen wolle er noch viel. Vor allem Südamerika hat es ihm bei einer Reise mit Frau und Kinder besonders angetan. Seine Kinder würden aber immer erwachsener und daher erinnert sich Jornod fast wehmütig an die gemeinsamen Ferien. Und da, für einen kurzen Moment scheint es, als könnte sich der immer beschäftigte Etienne Jornod vorstellen, seine ganze Galenica für eine Familienreise nach Lateinamerika einzutauschen.