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Industrie im Aufwind Das Frankenschöckchen

War da mal Untergangsstimmung? KMU überraschen mit Positivnachrichten. Das hat viel mit ihren Angestellten zu tun.

Es ist nicht lange her, dass für den Werkplatz Schweiz plötzlich der Ausnahmezustand galt. Als die Schweizerische Nationalbank am 15. Januar 2015 den Mindestkurs zum Euro aufhob, zeigte sich, was geschehen kann, wenn Währungen dem freien Markt überlassen werden: Der Schweizer Franken schoss nach oben und verteuerte auf einen Schlag Schweizer Export-Produkte um 20 Prozent. Entsetzte Stimmen aus Politik und Wirtschaftsverbänden zeichneten ein düsteres Bild für die Schweizer Wirtschaft.

Und heute? Den Schweizer Industrie-Unternehmen, die den Frankenschock überstanden haben, geht es mehrheitlich gut. Das zeigen aktuelle Erhebungen:

Steigende Grafik, die zeigt, dass immer mehr Unternehmen ihre Geschäftslage als gut bezeichnen.
Legende: . SRF

1. Konjunkturumfrage (KOF)

Der Geschäftslageindikator der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich beweist: Die Geschäftslage hat sich deutlich entspannt. Sogar so weit, dass unter den mittelgrossen und grossen KMU mehr ihre Geschäftslage als gut bezeichnen als vor dem Ende des Mindestkurses. Einzig die kleinen Unternehmen sind nicht so optimistisch. Sie konnten ihre Beschaffungsketten nicht kurzfristig umstellen oder Teile der Produktion ins Ausland verlagern.

2. KMU-Umfrage 2017 (Credit Suisse)

Erstmals seit drei Jahren bezeichnen Schweizer KMU das wirtschaftliche Umfeld wieder als positiv. Das zeigt die Umfrage, die die Credit Suisse jährlich unter 1900 kleinen und mittelgrossen Unternehmen durchführt. Die Autoren stellen fest: «Über alle Erfolgsfaktoren hinweg blicken die KMU leicht optimistisch in die Zukunft, rechnen also für die nächsten drei bis fünf Jahre mit einer leichten Verbesserung der Standortbedingungen.» Am wichtigsten für ihren Erfolg bezeichnen sie ihre Mitarbeiter und deren Qualifikationen.

3. Halbjahreszahlen MEM-Branche (Swissmem)

Die Umsätze der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) haben im ersten Halbjahr um 6,2 Prozent zugenommen im Vergleich zur Vorjahresperiode. «Die MEM-Unternehmer sind optimistisch. Und nicht zuletzt erzeugt die Abschwächung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro zusätzlichen Rückenwind», teilt Swissmem mit.

Legende: Video Swissmem-Präsident Hans Hess ist optimistisch abspielen. Laufzeit 01:28 Minuten.
Aus ECO vom 11.09.2017.

Nicht nur Interessensvertreter – auch Ökonomen zeichneten ein düsteres Bild für die Schweizer Wirtschaft. Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) muss im Interview mit SRF korrigieren.

Wir hätten mehr Konkurse erwartet.

SRF: Herr Abrahamsen, inwiefern ist es nicht so schlimm gekommen wie gedacht?

Yngve Abrahamsen: Wir und die meisten anderen Konjunkturforscher haben vor zweieinhalb Jahren einen stärkeren Einschnitt in die schweizerische Wirtschaft erwartet. Wir hätten mehr Verlagerungen erwartet, auch mehr Konkurse und Betriebsschliessungen. Es sind jedoch nur wenige erfolgt. Die Wirtschaft hat die Belegschaft zwar nach unten angepasst, aber es ist relativ glimpflich und langsam abgelaufen.

Können Sie das beziffern?

Insgesamt gibt es in der Industrie heute 20’000 Arbeitsplätze weniger. Etwa ein Viertel davon wäre durch den normalen Strukturwandel verschwunden, aber der Rest ist wohl auf die Frankenstärke zurückzuführen.

Von wie vielen Arbeitsplätzen gingen Sie damals aus?

Unsere Schätzungen lagen um die Hälfte bis doppelt so hoch.

Es ist gefährlich, Leute zu entlassen.

Warum sind so viel weniger Personen entlassen worden?

Die Schweiz ist spezialisiert, man hat sehr gut ausgebildete Leute. Es ist eine gewisse Gefahr, Leute zu entlassen. Man verliert einiges an Humankapital. Und es ist nicht einfach, ähnlich qualifizierte Personen gleich wieder einzustellen, wenn es wieder besser geht. Es geht auch um Reputationsverluste: Ist man als Arbeitgeber noch attraktiv oder nicht, wenn man Mitarbeiter sofort entlässt? Das spielt alles eine Rolle und hat dazu geführt, dass die Unternehmen in der Schweiz versucht haben, die Schwierigkeiten anders zu meistern und eher graduelle Anpassungen vorzunehmen.

Welche Anpassungen waren das?

Sie haben versucht, mit den Mitteln, die sie hatten, ihre Produktionsprozesse zu verbessern. Viele haben das Beschaffungswesen umgestellt und so versucht, die Kosten stärker unter Kontrolle zu halten. Sie haben aber auch auf die Zukunft vertraut und darauf, dass sie es meistern können.

Könnte man sagen: Die KMU, die bis heute überlebt haben, stehen jetzt besser da als vorher?

Ja, das tun sie. Denn durch den Schock waren sie gezwungen, Massnahmen zu ergreifen, effizienter zu arbeiten und Produktionsprozesse zu verkürzen. Das ist heute ein Wettbewerbsvorteil.

Weshalb lagen Sie und andere Ökonomen falsch in der Einschätzung?

Wir lagen nicht falsch in der Einschätzung, dass es für die exportorientierte Wirtschaft einen grossen Anpassungsdruck geben würde. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben wir aber überschätzt. Obwohl die Exportwirtschaft im Jahr 2010 bis zur Einführung des Euro-Mindestkurses im September 2011 bereits eine starke Aufwertung verkraften musste, war sie 2015 im Stande, die Margen wieder zu reduzieren. In der Folge konnten die Kosten bei einem vergleichsweise geringen Beschäftigungsabbau reduziert werden.

Wie lautet Ihre revidierte Einschätzung?

Die schweizerische Wirtschaft ist anpassungsfähiger als wir vermuteten. Die Strategie der Unternehmen, vor allem Güter herzustellen, die nicht leicht durch Konkurrenzprodukte auszutauschen sind, hat sich bewährt. Eine erneute Aufwertung, die mit Sicherheit wieder kommt, kann etwas gelassener aufgenommen werden.

Das Interview mit Yngve Abrahamsen führte Manuela Siegert.

Das Interview mit Hans Hess führte Patrizia Laeri.

Yngve Abrahamsen

Yngve Abrahamsen

Yngve Abrahamsen ist Ökonom an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). Aus seinen Befragungen generiert das Institut Indikatoren wie das Konjunkturbarometer oder den Index zur Geschäftslage.

Arbeit in der Industrie

Mehr als 600'000 Personen sind in der Schweiz im verarbeitenden Gewerbe beschäftigt. Gemäss Bundesamt für Statistik schreiben Industrie-Firmen wieder mehr Stellen aus: Im 2. Quartal 2017 waren 10'281 Stellen offen.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Robert Frei (RFrei)
    Siehe auch den Artikel "Produktionsstandort Schweiz / Rockwell will in Aarau Stellen streichen". Ist in SRF News unter Regional / Aargau Solothurn zu finden, nicht im Wirtschaftsteil. Ein Schöckchen?
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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Das gelbe Ei ist das Symbol der kranken Wirtschaftspolitik der oberen Geldherren ! 45 000 neue Wohnungen stehen leer ! Anstatt das Geld in die KMU - Unternehmen zu investieren setzen sie Babeltürme in den Sand ! Wenn das nur gut kommt mit zusätzlichen 120 000 Zuwanderern pro Jahr ! Nachdenken kommt oft zuletzt bei den Managern , denn sie verwalten nur das Geld des Volkes -den Schaden hat der Steuerzahler der Büezer nicht der Manager .
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  • Kommentar von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
    Schimpfen gegen alle aber dann im ausland waren und Güter beziehen. Das sind die rechten! Wieviele Haausbesitzer kaufen Billigware im Ausland produziert, ein? Ganze Garagen werden fertig produziert vom Ausland durch die Schweiz gekarrt!Wieviele kaufen ihre Möbel, Winterrädli, Velos, Sanitär- und Elektrozubehör, und vieles mehr, abgesehen von Lebensmitteln natürlich, von ausländischen Herstellern? Ja ja, schimpfen, aber wenn's ums eigene Portemonnaie geht ist nichts mehr heilig!
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