Internationale Konzerne meiden die Schweiz

Letztes Jahr sind weniger Firmen in die Schweiz gezogen. Linke Politiker finden das halb so schlimm: Das entschärfe das Zuwanderungsproblem. Überraschenderweise denkt auch die liberale Denkfabrik Avenir Suisse so. Bürgerliche Politiker sind hingegen alarmiert und die Standortförderer besorgt.

Eine Baggerschaufel im Vordergrund, im Hintergrund eine Baustelle.

Bildlegende: Will eine Firma eine Niederlassung in der Schweiz eröffnen, braucht sie Planungssicherheit. Keystone

Die Schweiz ist nicht mehr so attraktiv für ausländische Firmen wie auch schon. Genaue Zahlen nennt Karin Jung, Leiterin des Amtes für Wirtschaft im Kanton Appenzell Ausserrhoden, keine. Sie sagt nur so viel: «Auch bei uns sind die Ansiedlungszahlen von Unternehmen aus dem Ausland rückläufig.»

Schuld am Rückgang sei einerseits der wachsende internationale Wettbewerb. Denn auch Appenzell Ausserrhoden buhlt unterdessen weltweit um Unternehmen. Ein anderer Grund seien die wirtschaftspolitischen Debatten in der Schweiz.

Jung verweist auf die Initiativen zur Masseneinwanderung und zur Erbschaftssteuer sowie auf die Unternehmenssteuerreform III: «All diese Dinge führen zu Unsicherheiten. Und für ein Unternehmen, das sich für einen neuen oder zusätzlichen Standort entscheidet, ist die Planungssicherheit von grosser Bedeutung.»

Schöne Natur und tiefe Steuern in der Waagschale

Standortförderer in Appenzell Ausserrhoden müssten deshalb ausländische Unternehmen vor allem auf die schöne Natur zwischen Bodensee und Alpstein hinweisen, sagt Jung. «Wir haben steuerlich sehr gute Rahmenbedingungen, gerade in unserem Kanton. Wir haben, was die Kosten angeht, sicher eine gute Ausgangslage im Vergleich zu anderen Regionen in der Schweiz.» Standortförderung werde aber auch künftig eher schwieriger.

Das glaubt auch Patrik Schellenbauer von der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse. Er nimmt es aber gelassen. Weniger ausländische Unternehmen, das hiesse auch weniger Zuwanderung. Und das könne zu einer Entspannung der politischen Diskussion führen, so Schellenbauer. «Wenn nun die Zuwanderung etwas zurückgeht, ermöglicht das eher eine flexible Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative und erhöht die Kompromissbereitschaft.»

Kantone sollen Lehren aus der Vergangenheit ziehen

Denn möglichst rasche und konstruktive Lösungen für die verschiedenen politischen Vorstösse seien zentral für die Attraktivität der Schweiz. Davon ist Schellenbauer überzeugt. Und er ist der Meinung, dass gerade die Standortförderer in den Kantonen aus der Vergangenheit lernen sollten.

Er verweist darauf, dass «in der ganzen Zuwanderungsdiskussion immer wieder das Breitenwachstum der Schweiz kritisiert» worden sei. Der Produktionsapparat sei grösser geworden, ohne dass die Produktivität und damit Löhne und Wohlstand in der Breite der Bevölkerung angestiegen seien.

«Wenn man das ändern will, braucht man Wachstum in die Tiefe, das heisst hochproduktive, innovative Unternehmen, die dann auch hier bleiben», so Schellenbauer. Weniger ist mehr – das kann auch für die Standortförderung gelten.

Neuansiedlungen gehen zurück

Im vergangenen Jahr sind acht Prozent weniger Firmen in die Schweiz gezogen. Dadurch sind 20 Prozent weniger Arbeitsplätze geschaffen worden als im 2013.