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Wirtschaft Kampf um Schweizer Touristen

Die Tourismusbranche hierzulande stemmt sich gegen rückläufige Gästezahlen. Auch Schweizer wenden sich offenbar zunehmend von einheimischen Hotels ab, sagen Experten. Süddeutschland und Österreich sind Nutzniesser. Doch scheinbar günstige Alpen-Nachbarn könnten eine preisliche Fata Morgana sein.

Touristen im Schnee
Legende: Urlauber am Titlis in Engelberg: Eine aussterbende Spezies hierzulande? Keystone

Mit dem Slogan «Verliebt in die Schweiz» wirbt die Tourismusbranche hierzulande nicht zuletzt um die eidgenössischen Gäste. Sie sollen mit ihren Buchungen auch Löcher stopfen, die das Ausbleiben von Deutschen oder Niederländern wegen der Frankenstärke gerissen haben.

Die Schweizer sind ihrer Heimat nicht so treu
Autor: Martin FalkÖsterreichisches Institut für Wirtschaftsforschung

Doch die Rechnung scheint nicht aufzugehen. «Die Schweizer sind ihrer Heimat nicht so treu», erklärt Tourismus-Experte Martin Falk vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung gegenüber der «Schweiz am Sonntag». «Wenn es ihnen dort zu teuer wird, gehen sie lieber ins Tiroler Oberland.»

Der Analyst hat das Ausmass der schweizerischen Untreue genau berechnet, berichtet das Blatt weiter: «Eine Aufwertung des Frankens um zehn Prozent gegenüber dem Euro, bringt westösterreichischen Skigebieten zwischen 15 und 22 Prozent mehr Übernachtungen von Schweizer Gästen.»

«Schweizer überrennen Süddeutschland»

Das gleiche Schauspiel sei in Deutschland zu sehen. Baden-Württemberg, Bayern und Berlin werden «von Schweizern überrannt», so die Zeitung. Seit 2009 lösten sie dort die Briten als drittwichtigste Gästegruppe ab. 2011 liessen sie dann auch die USA hinter sich.

Insgesamt buchten Schweizer in den süddeutschen Regionen in sechs Jahren etwa 60 Prozent mehr Übernachtungen. Alle heimischen Appelle an ihre Loyalität blieben also offenbar wirkungslos.

In der Schweizer Gastronomie wird das mit einer Mischung aus Ärger und Verständnis registriert. «Schweizer verhelfen Deutschen zu Tourismusboom», schreibt etwa der Wirte-Verband Basel Stadt und beklagt «die Mär’ von den treuen Schweizer Gästen». Auch Graubünden etwa litt unter einer sinkenden Gästezahl. Das Tirol hingegen durfte sich über mehr Schweizer Gäste freuen, ebenso der Schwarzwald, Bayern oder das Voralberg.

Bergbahnen auf Talfahrt

«Für Deutschland ist die Schweiz ein Wachstumsmarkt», sagt Maurus Ebneter vom Wirte-Verband gegenüber dem Blatt. Das zeige sich auch an der deutschen Werbeoffensive hierzulande. «Für den deutschen Tourismus ist das natürlich eine grosse Chance.»

Was das für den Schweizer Wintertourismus bedeutet, hat kürzlich die Konjunkturforschungsstelle der ETH untersucht. Die Schweizer Bergbahnen verbuchten zuletzt rund ein Viertel weniger Gäste als in der Wintersaison 2008.

Deutschland hingegen boomt. Die Bergbahnen in den deutschen Winterorten konnten rund 20 Prozent mehr Besucher empfangen. Österreich und die deutsche Franken-Region konnten ihre Besucherzahlen immerhin halten.

Zehntausende Jobs perdu

Mit der Folge, dass diese Entwicklung hierzulande viele Arbeitsplätze kostet. In den letzten fünf Jahren gingen rund 20'000 Stellen in Hotels und Restaurants verloren, so die «Schweiz am Sonntag».

Doch diese Zahl gebe das Debakel nicht vollständig wieder, so Ebeneter vom Wirteverband: «Hätte sich das Gastgewerbe normal entwickelt, müssten wir 20'000 Jobs mehr haben». So hätte etwa die Zuwanderung zu einem Jobwachstum führen sollen. Doch: «Alles in allem hat der starke Franken bislang 40'000 Stellen vernichtet.» Die überteuerten Preise für Lebensmittel hätten ebenfalls geschadet.

Günstiges Österreich - nur eine Mär?

Dass Skiferien in Österreich nicht unbedingt günstiger als in der Schweiz sind, glaubt der «SonntagsBlick» herausgefunden zu haben. Das Blatt hat einen Preisvergleich angestellt und kommt zu dem Ergebnis, dass bei sieben von zwölf Angeboten die Schweiz preislich attraktiver ist.

So zahle «eine fünfköpfige Familie in Arosa (GR) im Viersternehaus für eine Woche Schneespass knapp 6000 Franken – Skipass und Skischule inklusive». Für ein vergleichbares Angebot im österreichischen Ischgl «müsste sie rund 10'000 Franken abdrücken».

Schweizer Hotels reagieren auf Frankenstärke

Woher aber kommen die grossen Preisunterschiede, fragt das Blatt. Zum einen sei die Nachfrage in Österreich derzeit enorm. Das treibe die Preise für die verbleibenden Betten in die Höhe.

Zum anderen hätten die Schweizer Wintersportorte auf den starken Franken reagiert. Sie würden vermehrt Gesamtpakete anbieten. In Arosa zum Beispiel sei die Skischule bei bestimmten Hotels inklusive. Andere Destinationen wie St. Moritz (GR) würden den Skipass für 35 Franken pro Tag und Person offerieren, «wenn man im Hotel übernachtet».

«Preise gleichen sich an»

Daniela Bär von «Schweiz Tourismus» bestätigt gegenüber dem Blatt: «Die Preise gleichen sich an. Doch das Bild vom günstigen Ausland hält sich hartnäckig».

Auch Christian Laesser, Professor für Tourismus an der Universität St. Gallen, beobachtet eine Trendwende: «Wenn Schweizer nach Österreich in die Ferien gehen, geben sie im Schnitt mehr aus, als wenn sie hier bleiben.» Denn in Österreich würden viele Dienstleistungen extra verrechnet. Laesser: «Die Preise sind nur beim ersten Hinsehen tiefer.»

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Niklaus Bächler (parteilos!!)
    Tourismus Schweiz hat sich durch Gier selbst an den Rand des Abgrundes manövriert. Wo sind hier die ewigen Ausländer-Kritiker? Gerade die Hoteliers und die Gastronomie leben es doch seit Jahren vor! Man will keine rechten Löhne bezahlen und stellt dann der Sprache nicht mächtige Ausländer an. Dies alles haben sie sich selbst zu verdanken. Eine Strategie, die durch Gier nicht aufging. Ich jedenfalls gehe dort hin, wo ich als Gast willkommen bin! Und das ist definitiv NICHT die CH!
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  • Kommentar von Bernhard Lüthi (Bernhard)
    Es ist immer das gleiche: Im Ausland einkaufen, Ferien machen, Zähne korrigieren, usw. So werden die Preise in unserer Schweiz nicht billiger!! Ich denke, es ist immer auch eine Frage des Anspruchs. "Einfach alles, aber bitte günstig". Ob man es braucht, ist eine andere Frage.
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    1. Antwort von Niklaus Bächler (parteilos!!)
      Ich frage sie ganz direkt: Sie wollen eine Anschaffung tätigen oder in die Ferien verreisen. Sie evaluieren, wägen ab und haben 2 qualitativ gleichwertige Offerten. Nur, die eine ist um 20 % günstiger. Welche wählen SIE?In jedem steckt ein «Schnäppchenjäger»! «Heimatschutz» gibt es in einer globalisierten Welt kaum noch und diesen presi haben wir eben auch zu bezahlen! Darauf müssen auch wir uns einstellen, statt nur rum zu jammern!
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    2. Antwort von Bernhard Lüthi (Bernhard)
      @Herr Bächler: Danke für Ihr Feedback, aber ich, selbständig als Handwerker in meinem Atelier arbeitend, unterstütze konsequent das ortsansässige Gewerbe. Ich weiss, wohin ich meinen Verdienst ausgeben muss. Mit freundlichen Grüßen, Bernhard Lüthi
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  • Kommentar von Pia Müller (PiMu)
    Vielleicht gleichen sich die Preise an... ?? - jedoch bestimmt nicht der Service, das Essen, die Zimmer in CH im Vergleich zu AT und DE. Also weshalb unsere CH-Hotels für unsere wohlverdienten Ferien unterstützen ?! Die müssen endlich umdenken, falls es nicht zu spät ist.
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