Kein Tabak, Waffen oder Alkohol

Die Zahl der Muslime nimmt weltweit zu, das Bedürfnis nach scharia-konformen Finanzprodukten ebenso. Auch in der Schweiz werden solche Anlagen wieder angeboten. Die nach islamischer Gesetzgebung gestalteten Anlagen gelten als Vorläufer nachhaltiger Investitionen. Risikoärmer sind sie aber nicht.

Logo der Bank Islam über einem Schalter, hinter dem der Kopf eines Mitarbeiters sichtbar ist.

Bildlegende: Eine Bank Islam-Filiale in Kuala Lumpur. Die Stadt gehört neben London und Dubai zu den Zentren des Scharia-Bankings. Reuters

Machedín Kronfold ist extra aus Dubai angereist. Der Leiter Islamische Anleihen bei der globalen Investmement-Gesellschaft Franklin Templeton ist hier, weil sein Unternehmen seit kurzem auch in der Schweiz scharia-konforme Finanzprodukte anbietet. Der Grund ist laut Kronfold banal: Es bestehe eine Marktlücke, die Kunden wünschten scharia-konforme Anlagen.

Um scharia-konform zu sein, müsse eine Anlage zweierlei erfüllen: Einerseits seien gewisse Industrien – Tabak, Waffen und interessanterweise auch die Finanzwirtschaft – tabu. Andererseits dürften die Unternehmen, in die investiert wird nicht abhängig sein von Krediten und nicht zu viel Bargeld horten. Und, die Anlagen werfen keinen Zins ab.

Vorläufer von nachhaltigen Finanzprodukten

Diese Produkte seien durchaus auch für Nicht-Muslime interessant, sagt Kronfold: Scharia-konforme Anlagen würden helfen die Risiken zu verteilen, da sie sich anders entwickelten als traditionelle Finanzprodukte. Das Kapital sei zudem im Schnitt weniger lang gebunden.

Entstanden in den 1920er Jahren als Mittelweg zwischen Kapitalismus und Marximus, nehme das islamische Banking heute eine Vorreiterrolle im stark wachsenden Bereich der sogenannt nachhaltigen Anlagen ein, sagt Stefan Leins. Der Ethnologe lehrt am Institut für Sozialanthropologie und empirische Kulturwissenschaft der Uni Zürich und befasst sich seit Jahren mit islamischem Banking. «In den Neunzigerjahren war islamisches Banking die einzige Möglichkeit, den Kunden Produkte anzubieten, die keine Investitionen in die Tabak-, Waffen- oder Alkoholindustrie beinhalteten.»

Schweizer Banken zu wenig glaubwürdig

Für hauptsächlich vermögende Kunden eine willkommene Ergänzung, sind scharia-konforme Anlagen für Banken mit beträchtlichem Aufwand verbunden. Jedes Produkt muss von Islamgelehrten auf seine Konformität überprüft werden. Dabei ist das oft eine Frage der Auslegung der Scharia. Den Schweizer Grossbanken Credit Suisse und UBS, die zu Beginn des Jahrtausends im grossen Stil auf islamisches Banking gesetzt haben, ist dies offenbar zu viel geworden. Sie haben entsprechende Abteilungen geschlossen und fokussieren auch im arabischen Raum auf konventionelles Schweizer Banking. Leins glaubt, «dass die Schweizer Banken in diesem Markt nicht genügend glaubwürdig auftreten konnten».

Reine Investment Gesellschaften wie Franklin Templeton rechnen offensichtlich anders. In den letzten fünf Jahren habe sich das Volumen der Gelder, die weltweit scharia-konform angelegt werden, von einer auf zwei Billionen US Dollar verdoppelt, sagt Kronfold. Das sei zwar nach wie vor wenig im Vergleich zu den schätzungsweise über 70 Billionen Dollar konventioneller Anlagen, räumt er ein, doch so wie die muslimische Bevölkerung wachse, wachse auch der Markt für scharia-konforme Produkte.

Trotz Scharia nicht weniger Risiken

Wer sich für scharia-konforme Anlagen entscheide, der tue das wohl tatsächlich meist nicht aus ökonomischen sondern vor allem aus religiösen Gründen, meint der Ethnologe Stefan Leins. Denn – anders als oft gehört – seien islamische Anlagen nicht sicherer oder krisenresistenter als konventionelle.

Die Immobilienkrise in Dubai 2010 habe gezeigt, dass auch islamische Banken auf staatliche Rettungsmassnahmen angewiesen waren. Anders gelagert, aber ähnlich riskant: Scharia-konforme Anlagen werden hierzulande wohl einen gewissen Zuspruch finden – zum ganz grossen Geschäft für den Finanzplatz Schweiz dürften sie kaum avancieren.

Sendung zu diesem Artikel