KMU werden von Banken unabhängiger

Versicherer und Pensionskassen sind wegen der niedrigen Zinsen gezwungen, mehr Risiko einzugehen, um noch eine angemessene Rendite zu erwirtschaften. Die höhere Risikobereitschaft öffnet mittelständischen Firmen in Europa die Tür zum Kapitalmarkt.

Bildschirme mit Kursen.

Bildlegende: Swiss Life setzt auf Anleihen mit Bonität BBB oder tiefer, um noch Geld verdienen zu können. SRF

Swiss Life muss jedes Jahr vier Prozent der verwalteten Vermögen neu anlegen. Das sind sechs Milliarden Franken. Keine einfache Angelegenheit in Zeiten rekordtiefer Zinsen. Stefan Mächler, Anlagechef und Konzernleitungsmitglied von Swiss Life, bevorzugt deshalb Immobilien in der Schweiz und in Europa, Hypotheken und Obligationen mit tiefen Ratings, also BBB und darunter.

Swiss Life ist mitnichten ein Einzelfall. Die grössten europäischen Versicherer haben ihr Obligationen-Portfolio in den vergangenen Jahren massiv umgeschichtet: Raus aus Staatsanleihen bester Bonität. Rein in Unternehmensanleihen schlechterer Bonität. Allein der Anteil sogenannter BBB-Anleihen ist zwischen 2009 und 2014 von 9 auf 22 Prozent gestiegen (s. u.). Das zeigen exklusive Zahlen des Kreditspezialisten Independent Credit View, erhoben im Auftrag von «ECO».

Bisher sind KMU auf Bankkredite angewiesen

Trotz der Herausforderungen an den Finanzmärkten kann der Anlagechef von Swiss Life der grösseren Risikobereitschaft professioneller Anleger etwas Positives abgewinnen: Für kleinere Unternehmen öffnet sich auch in Europa endlich die Tür zum Kapitalmarkt. Was in den USA längst gang und gäbe ist, muss sich in Europa erst noch entwickeln: Bisher sind kleine und mittelständische Firmen überwiegend auf Bankkredite angewiesen, weil sie entweder ein zu tiefes oder gar kein Rating haben.

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Stefan Mächler über Überbewertung und die Swiss-Life-Strategie en

2:39 min, vom 29.6.2015

Doch nun sorgt das starke Interesse professioneller Investoren dafür, dass auch Firmen schlechterer Bonität gute Chancen haben, auf dem Kapitalmarkt Geld von Investoren zu erhalten und damit unabhängiger von Bankkrediten zu werden. Das könnte die Investitionsbereitschaft in Europa ankurbeln und das Wachstum fördern. «Die Tür ist offen. Investoren wären bereit zu investieren», so Mächler zu «ECO». «Der Markt in Europa sei noch sehr jung. «Wir würden es sehr begrüssen, wenn mehr Firmen an den Kapitalmarkt kämen.»,

Zinsanstieg könnte Anleger auf falschem Fuss erwischen

Allerdings kann die gute Stimmung schnell verfliegen. Sobald die Zinsen steigen, könnten Schuldner mit schlechter Bonität in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Dann verlieren deren Obligationen schnell an Wert. Viele Anleger könnten bei einem raschen Zinsanstieg auf dem falschen Fuss erwischt werden.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Riskante Rendite-Jagd mit Vorsorge-Geldern

    Aus ECO vom 29.6.2015

    Die tiefen Zinsen machen Pensionskassen und Versicherern einen dicken Strich durch die Rechnung: Mit «Eidgenossen» und anderen Anleihen bester Bonität verdienen diese kaum mehr Geld. Also setzen sie zunehmend auf Schuldner mit schlechter Bonität, teils gefährlich nah am Ramsch-Niveau. Ein Herdentrieb, der böse enden kann, wenn die Zinsen dereinst wieder steigen.

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