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Köpferollen bei Raiffeisen «Es fehlte wohl an der Distanz zu Pierin Vincenz»

Tabula rasa im Verwaltungsrat der Raiffeisen: Der einzig richtige Entscheid, sagt Rechtsprofessorin Monika Roth.

Legende: Audio Corporate Governance bei der Raiffeisen abspielen. Laufzeit 4:40 Minuten.
4:40 min, aus SRF 4 News aktuell vom 27.04.2018.

Es sind und es bleiben turbulente Zeiten bei der Raiffeisen-Bank. Der ehemalige CEO Pierin Vincenz sitzt nach wie vor in Untersuchungshaft. Jetzt wird praktisch der gesamte Verwaltungsrat ausgewechselt. Neun von elf Mitgliedern sollen bis 2020 ersetzt werden, wie die Bank mitteilt. Monika Roth, Rechtsprofessorin an der Hochschule Luzern, hält den Entscheid für richtig.

Monika Roth

Monika Roth

Rechtsprofessorin, Hochschule Luzern

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Monika Roth ist Rechtsprofessorin an der Hochschule Luzern und Spezialistin für Corporate Governance (deutsch: Grundsätze der Unternehmsführung).

SRF News: Wie aussergewöhnlich ist eine solche Erneuerung, wie sie jetzt bei Raiffeisen stattfindet?

Monika Roth: Angesichts der Krise, die bei Raiffeisen bezüglich dieses Gremiums ganz sicher besteht, ist es nicht aussergewöhnlich. Aussergewöhnlich ist die ganze Situation. Meines Erachtens ist es die einzig richtige Konsequenz, die allerdings zeitlich recht weit hinausgezögert wird.

Ich glaube, man hat Vincenz einfach laufen lassen – und das ist eine Frage der Persönlichkeiten.
Autor: Monika RothRechtsprofessorin an der Hochschule Luzern

Und es fehlte wohl an einem richtigen Kontrollverständnis. Kontrollen müssen immer vertrauensunabhängig erfolgen. Ich glaube, man hat Vincenz einfach laufen lassen – und das ist eine Frage der Persönlichkeiten.

Was braucht es im Verwaltungsrat der Raiffeisen: Mehr Banken-Know-how oder mehr Leute, die wissen, wie ein Unternehmen geführt werden muss – Stichwort Corporate Governance?

Von meiner Kenntnisstand aus war bei Raiffeisen die Frage des Wissens allein gar nicht ausschlaggebend für das Versagen. Für mich geht es um die Frage der Persönlichkeiten, der Konfliktfähigkeit und des richtigen Verständnisses der Aufsichtsfunktion.

Ein Verwaltungsrat ist ein Aufsichtsorgan im Betrieb. Ich würde es so generell nicht unterschreiben, dass das Know-how nicht ausreichend war. Es hat wohl an der Distanz zu Pierin Vincenz gefehlt.

Sind Sie überrascht, dass fast der ganze Verwaltungsrat ausgewechselt wird, gleichzeitig aber der CEO Patrik Gisel auf seinem Posten bleiben darf?

Nach dem Gang der Dinge überrascht mich das nicht. Bei Gisel ist schwierig zu sagen, was er wirklich gewusst hat oder inwiefern er es nicht wissen wollte. Die Frage wird sein, was das Aufsichtsverfahren der Finma gegen den Konzern noch ergeben wird. Zudem muss im derzeitigen Aufruhr auch eine gewisse Konstanz herrschen. Die Rolle von Herrn Gisel ist noch nicht abschliessend geklärt. Ich habe ein gewisses Verständnis, dass man derzeit noch an ihm festhält. Es ist auch nicht in Stein gemeisselt, dass das so bleiben wird.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Ivo Muri (Ivo Muri)
    @stigu und &warum? Ja - genau so ist es. FINMA und jeder andere, der es wissen wollte, konnte es wissen. Es gab ja vor der Verhaftung von Vinzenz auch noch eine Befragung durch die FINMA und diese ergab ein Berufsverbot für Vinzenz. Und wenig später dann die bis heute andauernde Untersuchungshaft. Wenn es etwas zu vernebeln gab hätte Vinzenz dafür lange Zeit gehabt. Mir erscheint das Ganze sehr suspekt. Aber urteilen Sie wie Sie wollen. Raiffeisen ist stark und gemacht hat das diese Crew.
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  • Kommentar von Ivo Muri (Ivo Muri)
    Frau Roth urteilt sehr hart. Ich halte mich da lieber an den Grundsatz andere nicht zu richten, auf dass auch andere mich nicht richten. Aus Sicht des Compliance Management hätten hier auch andere ihre Aufgaben wahrnehmen dürfen. So zum Beispiel die FINMA, welche durch ein Machtwort Vinzenz und seiner Partnerin klar die Grenzen hätte setzen können. Da rollen Köpfe, die gute Arbeit geleistet haben.
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    1. Antwort von Charles Halbeisen (ch)
      "Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet." Ich glaube, diesen Bibelspruch wird kaum einen Gerichtssaal schmücken.
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    2. Antwort von Ivo Muri (Ivo Muri)
      @Halbeisen Stimmt - Ja - einen Gerichtssaal nicht. Und darum geht es. Diese Menschen stehen nicht vor Gericht und eine Frau Lehrstuhlcompliancemanagerin richtet öffentlich über die Medien. Obwohl sie nicht dabei war und nur vermuten kann. Wer als Führungskraft selbst einmal in einer schwierigen Führungssituation nicht den Mut hatte, einen unbequemen Entscheid zu fällen, der Werfe den ersten Stein auf diese Verwaltungsräte, die nicht vor Gericht stehen. Compliancemanagement muss ethisch sein.
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    3. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Wenn die FINMA den Job des Verwaltungsrats hätte übernehmen sollen, ist das nicht selbst wieder Kritik am Verwaltungsrat? Denn das Machtwort, das Sie der FINMA abverlangen, wäre Job des VR gewesen. Wenn die FINMA es aussprechen muss, hat der VR also versagt, oder? Da braucht es doch kein Urteil.
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    4. Antwort von Ivo Muri (Ivo Muri)
      @beat reuteler Mit der FINMA stimmt doch definitiv etwas nicht. Nach so langer Zeit beginnt sie erst seit ein paar Wochen zu ermitteln. Eine derart lange Untersuchungshaft. Derart viele Vermutungen und Vorverurteilungen. Ich bin einfach sehr skeptisch und stelle fest: Die Führung einer der besten nur national tätigen Banken wird regelrecht demontiert. Eine Bank, der man ethisch wenig vorwerfen kann, als dass der CEO eventuell sich selbst bereichert hat und dass er nicht genauer kontrolliert war
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    5. Antwort von Stefan Hofmann (Stigu)
      @muri: CEO und Compliance Officer in Personalunion (seine Frau) sagt ja wohl schon alles. Das ist fast so schlimm wie CEO und VRP in Personalunion... der Rest ist Geschichte, da brauch i nid zu richte...
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    6. Antwort von Sancho Brochella (warum?)
      Herr Muri, es wird abgeklärt, ob eine oder mehrere Personen einer Bankenführung ihr Amt zur persönlichen Bereicherung missbraucht haben. Missbräuchliche Bereicherung ist gesetzlich hoffentlich klar definiert. Entweder es ist passiert oder nicht. Fakt. Die Schuld jetzt in erster Linie bei der Finma zu suchen ist, als ob sie bei einem Einbruch als erstes die Polizei zur Verantwortung ziehen wollten. Täter bleibt immer noch Täter. Dass der VR geht, ist verständlich und wahrscheinlich angebracht.
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