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Nach der Syrien-Affäre Lafarge-Holcim wechselt Konzernchef aus

Legende: Video Lafarge-Holcim-Chef Eric Olsen tritt zurück abspielen. Laufzeit 1:55 Minuten.
Aus Tagesschau vom 24.04.2017.

Bereits Anfang März hatte Lafarge-Holcim eingeräumt, dass in der Fabrik von Lafarge in Syrien Fehler begangen worden sind. Das lokale Management hatte an Dritte Gelder bezahlt, um den Weiterbetrieb der Fabrik zu sichern. Dabei hatten die Verantwortlichen unter anderem mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Absprachen getroffen.

Die Untersuchungen hätten ergeben, dass erhebliche Fehleinschätzungen vorgelegen hätten, die nicht mit dem geltenden Verhaltenskodex vereinbar seien, hiess es im März dazu.

Olsen war «nicht involviert»

Olsen habe sich in Zusammenhang mit Schutzgeldzahlungen in Syrien aber nichts zu Schulden kommen lassen. «Meine Entscheidung wurde getrieben von meiner Überzeugung, dass sie dazu beitragen wird, die Spannungen, die sich in letzter Zeit rund um den Syrien-Fall entwickelt haben, beizulegen», erklärte Olsen in einer
Mitteilung.

«Obwohl ich in keinerlei Fehlveralten involviert war oder davon Kenntnis hatte, denke ich, dass mein Rücktritt dazu beitragen wird, Ruhe in ein Unternehmen zu bringen, das während Monate diesbezüglich im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.»

Nachfolger noch unklar

Die Suche nach einem Nachfolger läuft. Ab Mitte Juli wird Verwaltungsrats-Präsident Beat Hess das Unternehmen interimistisch leiten. Europa-Chef Roland Köhler soll zu diesem Zeitpunkt die Funktion als Chief Operating Officer übernehmen.

Eric Olsen wurde 2015 beim Zusammenschluss der beiden Zementkonzerne Lafarge und Holcim zum Konzernchef ernannt. Vor der Fusion war er Direktionsmitglied bei Lafarge, verantwortete die Geschäfte bis September 2014 in Syrien aber nicht direkt.

Einschätzung von SRF-Wirtschaftsredaktor Jan Baumann

Auf den ersten Blick erstaunt, wie hart der Verwaltungsrat durchgreift: Der Konzernchef von Lafarge-Holcim muss gehen. Obwohl ihn – nach heutigen Kenntnissen – keine persönliche Schuld trifft in der Syrien-Affäre. Doch offenbar besteht in einem derart brisanten Fall nicht der geringste Spielraum für eine persönliche Rücksichtnahme.
Der Abgang von Eric Olsen – nach nur zwei Jahren an der Spitze des frisch fusionierten Zementherstellers – folgt einer unerbittlichen Logik: Wer unter Verdacht gerät – in den Augen der Öffentlichkeit und der Justiz –, der muss weg. So Olsen, der während der Syrien-Affäre verantwortlich war für Personalfragen im Konzern – und damit auch für die Sicherheit der Mitarbeiter in Syrien.
Nun ermitteln in Frankreich bereits die Staatsanwälte. Zwei Menschenrechtsorganisationen sowie Privatpersonen haben den Konzern verklagt. Und das könnte erst der Anfang sein: Die Aktionäre von Lafarge-Holcim werden an der bevorstehenden Generalversammlung am 3. Mai kritisch nachfragen, was genau sich der Konzern in Syrien hat zuschulden kommen lassen. Möglich, dass es danach zu weiteren Klagen kommt und die Affäre juristisch noch weiterreichende Folgen haben wird. Auf jeden Fall muss der Verwaltungsrat als oberstes Aufsichtsgremium nun rasch und konsequent handeln. Oder anders gesagt: Köpfe müssen rollen.
Heute trifft es Konzernchef Olsen. Doch auch der Co-Verwaltungsratspräsident Bruno Lafont tritt ab: Er steht an der Generalversammlung am 3. Mai nicht zur Wiederwahl und scheidet ebenfalls aus. Auch bei ihm will von einer persönlichen Verantwortung in der Syrien-Affäre zwar niemand etwas wissen. Aber klar ist: Lafont war in der fraglichen Zeit zwischen 2013 und 2014 der Chef von Lafarge.
Damals hielt das Management in Paris am Zement-Werk in Syrien nahe der Grenze zur Türkei fest, obschon die Sicherheitslage äussert prekär war im vom Bürgerkrieg destabilisierten Gebiet. Ein politisches Chaos habe in der Kriegsregion geherrscht, schreibt das Unternehmen in einem Bericht. Um die Fabrik dennoch in Betrieb zu halten, zahlte Lafarge Geld an lokale Mittelsmänner. Dabei nahmen die Lafarge-Manager in Kauf, indirekt auch die islamistische Terrormiliz IS mitzufinanzieren.
Fazit: Auch wenn man nicht sagen kann, der Konzern habe wissentlich den IS geschmiert, um in Syrien im Geschäft zu bleiben: Die Fehlentscheide der damaligen Führung wiegen schwer. Radikales Durchgreifen ist angesagt in so einem Fall, um mindestens den Image-Schaden zu begrenzen. Und genau dies tut der Verwaltungsrat von Lafarge-Holcim, indem er Konzernchef Olsen in die Wüste schickt.

7 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    .....und dann weiter im Kontext....?? Rechtiche Konsequenzen??
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Wieso spricht Europa keine Handelssanktionen à la Russland in der IS-Region aus? Klar, würde dies die Region weiter schwächen. Andererseits hat der IS überall seine Finger drin, früher oder später kommt jegliches Geschäftsgebaren mit Terror in Kontakt. Wollen wir das? Brauchen wir das?
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Kriminelle Machenschaften, Vetternwirtschaft mit radikalen Islamisten - dann wechselt man einfach den Chef aus und macht so weiter, wie bisher....Schweizer Rechtssystem?? Wo bleiben Prozess und Konsequenzen?? Ach ja, es geht eben um Ged, viel Geld, da werden kriminelle Taten vom CH Rechtssystem anders gehandhabt: "die Kleinen hängt man, die Grossen werden laufen gelassen.... Das ist Schweizer Recht!!??
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