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Verhängnisvoller Lohnpoker «Männer mögen keine Frauen, die hart verhandeln»

Lohntransparenz wird als Wunderwaffe gegen Diskriminierung gefeiert – doch die Ungleichheit am Verhandlungstisch bleibt. Denn dort kommen stereotype Rollenbilder zum Tragen, sagt eine Ökonomin.

Legende: Audio Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – es ist kompliziert abspielen. Laufzeit 03:36 Minuten.
03:36 min, aus Echo der Zeit vom 23.08.2017.

Noch immer verdienen Frauen für die gleiche Arbeit in der Schweiz bis zu 20 Prozent weniger als Männer. Was tun gegen ungerechte Löhne von Mann und Frau? Politikerinnen und Experten setzen viel Hoffnung auf die Lohntransparenz.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männer oft mehr verdienen.
Autor: IT-Ingenieurin bei ErgonÜber ihre früheren Erfahrungen

Beim IT-Unternehmen Ergon sind Löhne kein Geheimnis mehr. Alle wissen voneinander, wer wie viel verdient. Denn am Firmensitz in Zürich werden Löhne gar nicht erst verhandelt. «Das Lohnsystem nimmt im Wesentlichen Ausbildung und Berufserfahrung als Kriterien für den Lohn. Sind diese gleich, ist auch der Lohn gleich», sagt Gabriella Keller, Chefin von Ergon.

Bei der Software-Firma ist das schon seit 25 Jahren so. Weil Ausbildung und Erfahrung die einzig objektiven Lohnkriterien seien, sagt Keller. Doch wie wirkt sich dieses System auf die Leistung aus? «Das System behandelt alle gleich. Das bedingt aber auch, dass alle einen ähnlichen Beitrag zum Firmenerfolg leisten», sagt Keller. Im Alltag sei das fast nie ein Problem.

Transparenz kommt im Betrieb gut an

Ihr Mitarbeiter Marco Dubacher sieht das gleich. Der IT-Spezialist arbeitet seit 13 Jahren bei Ergon. Bei ihm kommt die Lohntransparenz gut an: «Ich glaube, dass diese Transparenz die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen einfacher gestaltet.» Denn seien Löhne intransparent, wisse niemand, ob die Löhne gerecht seien. Das vergifte das Klima.

Für Dubachers Kollegin Katja Gräfenheim war das Lohnsystem der Grund, vor drei Jahren bei Ergon anzuheuern: «Mir gefällt vor allem, dass man nicht verhandeln muss. Ich hatte vor Ergon schon drei andere Stellen, dort musste ich jeweils verhandeln. Und das liegt mir nicht sehr gut», sagt die IT-Ingenieurin. Weil sie sich jeweils schlecht verkauft habe, sei ihr Lohn kleiner gewesen: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männer oft mehr verdienen».

Frauen wollen nicht als sozial inkompetent bezeichnet werden, weil sie sich bei Lohnverhandlungen nicht rollentypisch verhalten.»
Autor: Margit OsterlohÖkonomin an der Universität Zürich

Die Ökonomin Margit Osterloh von der Universität Zürich hält das Lohnsystem von Ergon für vorbildlich. Weil es Löhne intern nicht nur offenlege, sondern über Gehälter auch nicht mehr verhandelt werde. Die Forschung habe nämlich gezeigt, «dass Männer gerne verhandeln und Wettbewerb mögen. Bei Frauen ist das nicht so. Das heisst: Lohntransparenz in Verbindung mit Verhandlungssituationen ist für Frauen eher negativ als positiv.»

Die Erfahrung der Job-Plattform Hired in den USA scheint der Professorin Recht zu geben. Hired ist mittlerweile auch in Europa präsent. Auf dem Portal geben Job-Suchende den Lohn an, den sie meinen, wert zu sein.

Eine Analyse von Hired ergab, dass fast 70 Prozent der Frauen deutlich weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen verlangen – für die gleichen Stellen, bei gleicher Qualifikation und Erfahrung. Dies im Unwissen darüber, was Männer verlangen.

Ein langer Weg

Als Reaktion darauf gab Hired auf der Plattform Lohnskalen an für alle Job-Profile, Branchen und Hierarchiestufen. Um den Frauen zu helfen, sich besser einzustufen. Doch das Gegenteil passierte: Die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen verdoppelte sich. Im Wissen um die Löhne stuften sich die Frauen am unteren Ende der Skala ein – die Männer am oberen Ende.

Ökonomin Osterloh hat eine Erklärung: «Frauen die gut und hart verhandeln, werden bestraft: Männer mögen keine Frauen, die hart verhandeln. Frauen wollen nicht als sozial inkompetent bezeichnet werden, weil sie sich nicht rollentypisch verhalten.» Deswegen würden Frauen schliesslich nicht verhandeln, und damit auch weniger Geld bekommen.

Fazit: Löhne innerhalb einer Unternehmung offen zu legen, hilft zwar – aber Lohntransparenz alleine wird die ungerechtfertigten Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen nicht aus der Welt schaffen.

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    2017 - weshalb ist Lohnfairness "kompliziert"? Diskriminierung von Frauen in der Schweiz, geht weiter! Beschämende Armseligkeit in Politik, Wirtschaft,....!! Geht es aber um die AHV, oder das Militär, also um profitable Rentabilität, dann kommt ""Frau" ins "Gespräch" - Rentenalter erhöhen, Militärdienst für Frauen,.....???
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    1. Antwort von Franz NANNI (Aetti)
      na ja, bei meiner Wiederverheiratung hat meine Neue den Effekt gehabt, dass meine Wittwerrente um 20% gekuerzt wurde...
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    2. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Wenn Lohnfairness = Lohnfairness wäre, wäre es nicht kompliziert ;-)) Es ist aber kompliziert weil nicht alle dasselbe darunter verstehen. Persönlich denke ich dass in vielen Fällen, wenn Arbeit echt messbar wäre, und gleiche Arbeit gleich bezahlt würde, Frauen am Ende mehr verdienen würden als Männer. Schlicht deshalb, weil sie mehr leisten. Leider ist es mit der Messbarkeit von Arbeit nicht weit her.
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    3. Antwort von Dölf Meier (Meier Dölf)
      Viele Frauen mögen vom Gehalt der Frauen Leuthard um Sommaruga träumen. Ich hatte mit schlecht und bestbezahlen Frauen zu tun, wieauchmit Männern. Ist jemand nicht zufrieden, so wechselt er die Stelle. Lohnvergleiche sind subjektiv, da sich viele Faktoren kaum bemessen lassen.
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Es gibt Lohnungleichheit. In der oeffentlichen Verwaltung, wo Frauen bei weniger Leistung privilegiert werden. Im freien Markt wuerden nur noch Frauen angstellt, wenn diese fuer den angeblich ungerecht tieferen Lohn wirklich die gleiche Rendite bringen wuerden. Wie schon bei den Lohndoempern zeigt sich, dass die Maximierung des eigenen Gewinns das einzige Ziel ist. Auch wenn damait Billionen an Folgekosten generiert werden, die dann dem unbeteiligten Buerger und Staat aufgepuckelt werden....
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Dann beweisen Sie bitte doch mal die Behauptung Frauen würden weniger leisten im Beruf. Ohne Beweise ist das eine ziemlich sexistische Unterstellung. Und das mit der freien Wirtschaft ist ja tatsächlich so. In den unteren Rängen der Hierarchie werden billigere Frauen und Ausländer angestellt. Jene haben auch noch den Vorteil, dass sie nie wegen Militärdienst fehlen.
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  • Kommentar von Hans Hämmerli (Hans Hämmerli)
    Mich würde das Durchschnittsalter der hier Kommentierenden extrem Wunder nehmen.
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