Mehr Eigenkapital heisst noch lange nicht genug Eigenkapital

Die Banken sollen dank mehr Eigenkapital sicherer werden. Während die Finanzinstitute klagen, die Regeln seien streng, sieht das Finanzprofessorin Anat Admati von der Stanford-Universität in den USA ganz anders.

Grossbanken, Gesetzgeber und Behörden sagen, die Banken seien heute sicherer als vor der Krise. Auch viele Experten stimmen dem zu. Anat Admati, die Finanzprofessorin von der angesehenen Stanford Universität, mag in diesen Chor nicht einstimmen. Sie kommt zu einem anderen Schluss.

Das Bankensystem sei heute alles andere als sicher genug, warnt sie. Leider sei das System seit der Finanzkrise nicht wirklich sicherer geworden. Zwar gibt Admati zu, dass die Regeln heute strenger sind. Beispielsweise können sich Banken nicht mehr grenzenlos verschulden, und sie müssen mehr Eigenmittel halten. Doch man müsse diese Verschärfungen in der richtigen Perspektive sehen.

Eine geringe Menge Eigenmittel zu verdreifachen, bringe nicht sehr viel. Das Dreifache von nichts sei immer noch fast nichts. Das oft gelobte neue Basel-III-Regelwerk sei im Vergleich zu seinem Vorgänger Basel II bloss eine kleine Verschärfung, betont Admati.

Banken dürfen sich immer noch zu stark verschulden

Das Regulierungssystem sei im Grundsatz das gleiche geblieben. Die Banken dürften sich nach wie vor viel zu stark verschulden. Dabei sei die hohe Verschuldung doch eine der Hauptursachen der letzten Krise gewesen.

Anat Admati und ihr Forschungskollege Martin Hellwig vom Max Planck-Institut fordern deshalb in ihrem Buch, dass die Banken mit deutlich mehr Eigenmitteln operieren müssten. Ihr Vorschlag lautet: 20 bis 30 Prozent.

Bündel von Dollarnoten.

Bildlegende: Die Banken brauchen viel mehr Eigenkapital, sagen Admati und Hellwig. Reuters

Das ist einiges mehr als die 7 bis 12 Prozent hartes Eigenkapital, das die Regeln von Basel III heute vorsehen. Die beiden Autoren orientieren sich an den Unternehmen ausserhalb der Bankenwelt, etwa in der Industrie. Diese Firmen sind zu mehr als 50 Prozent mit eigenem Kapital finanziert. Warum sollte der Bankensektor derart anders ticken, fragen die Autoren.

Ihr Vorschlag sei eigentlich harmlos. Die Banken sollten nicht nur von ihren Gewinnen profitieren, sondern auch ihre Verluste tragen können - das wiederum würde den Risikoappetitt zügeln.

Nur reines Eigenkapital ist sicher

Reines Eigenkapital sei der Goldstandard für die Stabilität des Finanzsystems, sind Admati und Hellwig überzeugt. Sie können mit Mischformen wenig anfangen. So würden etwa Cocos eine falsche Sicherheit vorgaukeln. Dabei handelt es sich um Wertpapiere, die von den Banken in einer Notsituation schnell in Eigenkapital umgewandelt werden sollen. Solche Coco-Anleihen sind auch in der Schweiz erlaubt. Laut Admati ist ihre Handhabe in der Krise aber kompliziert und in der Praxis noch nie getestet worden.

Falsch sind laut Admati und Hellwig auch diverse Aussagen, mit denen sich die Banken gegen dickere Sicherheitspolster wehren. So heisst es in ihrem Buch etwa, mehr Eigenkapital sei höchstens für die Banken und deren Aktionäre teuer, nicht aber für die Gesellschaft. Denn dadurch werde es weniger wahrscheinlich, dass eine Bank mit Steuergeld gerettet werden muss. Auch sei die Aussage schlicht falsch, jeder Dollar in Form von Eigenkapital fehle der Wirtschaft, sagt die Stanford-Professorin. So verwirrten die Banken die Öffentlichkeit.

Selbst die Regulierer würden drauf reinfallen. Deshalb sei ihr Buch so wichtig. Es solle aufrütteln und zeigen, dass man noch viel mehr tun müsse, gerade jetzt, da der Regulierungsprozess zu erlahmen drohe. Als sie vor rund zwei Jahren begonnen habe, sich für mehr Eigenkapital stark zu machen, habe ihr jemand gesagt: «auf Dich wird man erst nach der nächsten Krise hören.» Professorin Admati sagt, sie hoffe, diese Aussage werde sich nicht bewahrheiten.

Das Buch

Das Buch von Anat Admati und Martin Hellweg heisst: «The Bankers' New Clothes. What's Wrong With Banking and What to Do About It». Es ist erst auf Englisch erhältlich. Eine deutschsprachige Ausgabe ist geplant.