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Wirtschaft Miese Bezahlung in vielen Schuhgeschäften

Ein Drittel der Schuhverkäuferinnen in der Schweiz verdient weniger als 4000 Franken im Monat. Dabei haben viele von ihnen sogar eine abgeschlossene Berufslehre, wie die «Rundschau» zeigt. Dem Branchenverband ist das Problem bekannt, er ist dennoch gegen einen Mindestlohn. Der Bund ist alarmiert.

Legende: Video «Schlechte Bezahlung im Schuhhandel» abspielen. Laufzeit 8:52 Minuten.
Aus Rundschau vom 01.05.2013.

Der «Rundschau» liegt ein Arbeitsvertrag des deutschen Schuh-Discounters Reno vor. Reno zahlt einer Verkäuferin einen Stundenlohn von 16, 95 Franken. Es handelt sich um einen Lohn in der Ostschweiz. «Unsere Löhne sind für den Standort richtig», sagt Reno-Geschäftsführer Matthias Händle. «In Zürich zahlen wir bessere Löhne als anderswo.»

Viele Reno-Mitarbeiterinnen haben keine Berufsausbildung und arbeiten auf Stundenlohn-Basis. «Reno ist das schwarze Schaf in der Branche», sagt Dieter Spiess, Präsident des Schweizer Schuhhandel-Verbandes.

Spiess wundert sich, dass es Frauen gibt, die für diesen Lohn überhaupt arbeiten. In seinem Schuh-Laden zahlt Spiess deutlich bessere Löhne. Dennoch: Von einem Mindestlohn in der Schuhverkaufsbranche hält er nichts: «Schuhhändler brauchen keinen Zwang von aussen, um gerechte Löhne zu zahlen.»

Branche im Visier des Bundes

Es ist nicht nur der deutsche Discounter Reno, der für Schweizer Verhältnisse schlecht zahlt. Bei Bata, der Nummer drei in der Branche, gibt es ein Beispiel für einen Lohn von 3400 Franken in einem 100-Prozent-Pensum. Bata verteidigt sich gegenüber der «Rundschau», Verkäuferinnen mit einer Ausbildung bekämen mehr als 4000 Franken – allerdings inklusive Umsatzbeteiligung und Gratifikation. Wie viel Ungelernte verdienen, wollte Bata nicht mitteilen. 

Der Schuhhandel wird dieses Jahr zur Fokus-Branche des Bundes. Eine Kommission soll untersuchen, ob dort missbräuchlich tiefe Löhne gezahlt werden. Falls ja, könnte die Branche gezwungen werden, einen Gesamtarbeitsvertrag zu unterschreiben, in dem Saläre festgelegt werden. «So was kommt für uns nicht in Frage», schimpft Dieter Spiess vom Schuhhändler-Verband. «Das kostet nur Geld. Die Gewerkschaften schaffen damit neue Stellen, die keiner braucht.» 

In der Rundschau berichten Schuhverkäuferinnen, dass sie nicht wissen, wie sie sich gegen schlechte Bezahlung wehren sollen. «Ich habe keine Kraft mehr, eine Bewerbung zu schreiben», sagt eine Frau. «Ich bin ein Wrack.»

6 Kommentare

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  • Kommentar von Eduard Ith, Altstätten
    Solchen Leuten, wie Matthias Händle muss man das Handwerk legen, wenn der glaubt er könne in der Schweiz denn sozialen Arbeitsfrieden mit Lohndumping kaputt machen! Die Aussage von Händel strotzt nur so von deutscher Arroganz. Gut dass man bei Reno nicht einkaufen muss. Für mich ist dieser Laden «no go». Aber auch der Arbeitgerverband ist selbst schuld, wenn richtigerweise die Mindestlohngrenze von Fr. 4'000 Brutto für Fachkräfte EFA gesetzlich verankert wird!
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  • Kommentar von Curt Asten, Hamburg
    Liebe Eidgenossen, es ist gut, dass ihr euch mit diesem Thema beschäftgt, denn Deutschland, das Land des grossflächigen Lohndumpings, sollte euch eine Warnung sein: http://www.nachdenkseiten.de/?p=17131#h08 Ein deutscher Lidl-Beschäftigter bezieht nach Unternehmensangaben einen minimalen Brutto-Stundenlohn von 10,50 Euro. Dies entspricht bei einer 40-Stunden-Woche rund 1.820 Euro = 2.233 SFR (laut aktuellen yahoo-Währungsrechner von soeben)
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  • Kommentar von Adrian Flükiger, Bern
    @Spiess und den Schuhhändlerverband: So was von arrogant, zum Glück kann man um eure Buden einen grossen Bogen machen!
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