Müssen Angestellte zunehmend Gratisarbeit leisten?

Überstunden sind in der Schweiz offenbar weit verbreitet. In einer Umfrage von Syna gaben fast die Hälfte der 815 Befragten an, sie hätten im März mehr gearbeitet, als vertraglich vereinbart sei. Die Gewerkschaft sieht sich in ihrer Kritik an neuen Arbeitszeitmodellen bestätigt.

Eine Frau vor Papierstapeln.

Bildlegende: Laut einer Umfrage von Syna macht jeder zweite Arbeitnehmer Überstunden. Colourbox

Arbeitszeit ist nicht Freizeit, Freizeit nicht Arbeitszeit. Eigentlich ist die Sache klar. Jede und jeder Werktätige müsste seinem Arbeitsvertrag entnehmen können, wie hoch sein Lohn ist, wie viele Arbeitsstunden er dafür leisten muss und was er für allfällige Überstunden erhält: Ob Geld, Freizeit oder eine Pauschale, die bereits im normalen Lohn inbegriffen ist.

Überstunden als Zeichen von Flexibilität?

Die Realität sei allerdings komplizierter, beklagt Kurt Regotz, Präsident der Gewerkschaft Syna: «Die Arbeitszeit ist die Zeit, die ein einzelner Arbeitnehmer dem Arbeitgeber zur Verfügung stellt. Wenn nun, wie in der Schweiz, fast die Hälfte der Arbeitnehmer immer mehr von ihrer Freizeit zur Verfügung stellen müssen, um den Ansprüchen des Arbeitgebers zu genügen, dann ist das beängstigend.»

Roland Müller, Direktor des Arbeitgeberverbandes winkt ab. Die Zeiten als die Fliessband-Arbeit klar geregelte Arbeitszeiten vorgab, seien längst vorbei. Die heutige Arbeitswelt verlange nach flexibleren Arbeitszeitmodellen. «Überstunden sind ein Ausdruck von Flexibilität. Das heisst, es gibt in manchen Firmen Wochenarbeitsstunden. Je nach Arbeitsanfall kann diese Arbeitszeit erhöht sein, um sie in ruhigeren Zeiten wieder zu kompensieren.»

Gewerkschaften: Klare Regeln besser als Vertrauen

Aber wenn schon Überstunden geleistet werden müssten, dann wenigstens in klar abgemachter Form, fordert Syna-Präsident Regotz. Die Vereinbarung, wonach der Arbeitgeber frühzeitig ankündigt, wann Überstunden zu leisten sind oder wann sie kompensiert werden können, funktioniere bisher zu wenig.

Regotz ist deshalb strikt gegen sogenannte Vertrauensarbeitszeit. Also gegen Arbeitszeitmodelle, die bereits summarisch eine gewisse Zahl an Überstunden enthalten und diese pauschal abgelten. Denn sonst gebe es noch mehr Überstunden – und als nächstes noch mehr Gratisarbeit, befürchtet der Gewerkschaftsvertreter.

Arbeitgebergeberverband gibt Versäumnisse zu

Arbeitgeber-Direktor Müller gibt zu, dass Unternehmen den Umgang mit Überstunden teilweise zu wenig klar regeln. «Die einzelnen Arbeitnehmer meinen oft, dass sie diese Zeit einfach leisten müssen, ohne dass abgesprochen ist, wie diese Entschädigung aussieht.»

Der Arbeitgeberverband hält deshalb die Unternehmen dazu an, Überstunden und Mehrarbeit klarer zu regeln. Denn Klagen über Zusatz-Stress wegen vieler Überstunden oder gar wegen Gratisarbeit bedeuten schlechte Karten für die Arbeitgeberseite im aktuellen politischen Streit. Es geht darum, wie detailliert künftig Arbeitszeiten erfasst werden müssen.

srf/heis; brut