Nestlé-Chef Paul Bulcke: Was er erreicht hat – und was nicht

Acht Jahre lang hat Paul Bulcke das Steuer beim grössten Nahrungsmittelkonzern der Welt in der Hand gehalten – nun zieht er sich als Konzernchef langsam zurück. Seine Bilanz ist durchwachsen.

Das hat Paul Bulcke in seiner Amtszeit erreicht:

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      Bildlegende: Nestlé-Generalversammlung im April 2016. Keystone

      Satte Dividende

      Aus Sicht der Aktionäre hat Paul Bulcke vieles richtig gemacht. Der Konzern ist in allen Regionen der Welt vertreten und hat ausserdem viele starken Marken und eine grosse Palette an Produkten im Angebot – von Babynahrung über Schokoriegel bis hin zu löslichem Kaffee. Das schafft Vertrauen. Selbst wenn es in einer Region oder bei einem Produkt Probleme gibt – wie zuletzt bei bleiverseuchten Nudeln in Indien – können die im global aufgestellten Konzern normalerweise gut abgefedert werden. Im Vergleich zu Konkurrenten steht Nestlé immer noch recht gut da, die Bilanz ist grundsolide, die Dividendenentwicklung nach wie vor positiv. Bei Aktionären gilt Nestlé daher immer noch als sichere Bank.

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      Bildlegende: Keystone

      In China dick im Geschäft

      Nestlé macht zwar schon lange Geschäft in China, aber erst mit dem milliardenschweren Kauf grosser Anteile an den chinesischen Unternehmen hat es Bulcke 2011 geschafft, die Tür zum riesigen chinesischen Markt richtig zu öffnen und damit auf Augenhöhe mit Konkurrenten wie Danone oder Unilever zu kommen. Heute ist China der zweitwichtigste Markt für Nestlé. Dass es aber nicht reicht, einen dicken Fuss im Markt zu haben, hat Bulcke schnell lernen müssen: Der Geschmack der chinesischen Konsumenten ändert sich rasant. Nicht nur das: Unerwartet viele kaufen Online ein. Nestlé hat nicht rasch genug reagiert – und Marktanteile verloren. Bulcke schickte seine frühere Finanzchefin Wan Ling Martello zum Aufräumen hin. Erste Erfolge sind sichtbar, etwa bei der Kooperation mit dem Online-Händler Alibaba. Das wird Bulcke als Pluspunkt angerechnet.

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      Bildlegende: Keystone

      Unrentabel oder unpassend? Weg damit!

      Unter Paul Bulcke hat Nestlé angefangen, den Konzern klarer auszurichten. Und Geschäfte, die nicht genug Wachstum und Gewinn abwerfen oder nicht mehr zur Konzernlinie passen, zu verkaufen – darunter die Diätsparte Jenny Craig oder die europäische Eiscreme-Sparte. Allein zwischen 2012 und 2015 hat er Konzernteile im Wert von mehr als zweieinhalb Milliarden Franken abgestossen. Analysten begrüssen die Entwicklung, sehen aber noch Luft für mehr, etwa bei den Wurstwaren von Herta oder Tiefkühl-Pizzen, die nach ihrem Geschmack nicht lukrativ genug für den Konzern sind.

Diese Baustellen hinterlässt Paul Bulcke:

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      Bildlegende: Keystone

      Schwaches Wachstum

      Schon vor der Jahrtausendwende hat sich Nestlé das Ziel verordnet, das organische Wachstum – durch mehr Umsatz und Preissteigerungen – pro Jahr um fünf bis sechs Prozent zu steigern. Das schafft der Konzern aber schon seit vier Jahren nicht mehr. Auch wenn das viele externe Gründe hat – etwa das schwächere Wachstum in Schwellenländern – es bleibt trotzdem an Bulcke hängen. Kommt hinzu: Auch die Margen enttäuschen. Das liegt einerseits daran, dass Hautpflegeprodukte nicht halten, was sich Nestlé davon versprochen hat, aber auch daran, dass der Wettbewerb bei wichtigen Nestlé-Marken wie Nespresso oder Dolce Gusto schärfer geworden ist. Die Preise können nicht mehr beliebig angehoben werden.

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      Bildlegende: Keystone

      Unreife Gesundheitsstrategie

      Vor sechs Jahren kündigte Bulcke an, den Lebensmittelgiganten mehr Richtung Gesundheit zu drehen. Zusammen mit der ETH Lausanne sollen neue Produkte gegen Wohlstandskrankheiten wie Diabetes oder Übergewicht entwickelt werden. Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen immer älter werden, schien das sinnvoll. Bei diesem Markt an der Schnittstelle zwischen Lebensmittel- und Pharmabranche sieht Nestlé auf mittlere Sicht ein Potenzial von mehr als 100 Milliarden Dollar. Ein Fünftel davon will sich Nestlé selbst einverleiben. Bislang sind die Fortschritte aber eher bescheiden. Das bekannteste Produkt aus der Sparte ist ein Energiedrink namens Boost. Die Erwartungen an Bulckes Nachfolger, den Ex-Pharma-Manager Ulf Schneider, sind hoch.

    • ddd

      Bildlegende: Keystone

      Veränderte Essgewohnheiten

      Schokoriegel, Beutelsuppe, Eiscreme, Süssgetränke – Nestlé ist nicht gerade für gesunde Lebensmittel bekannt. Konsumenten, egal ob in der Schweiz, den USA oder China, verlangen aber immer mehr nach Essen, das frisch ist und aus der Region kommt. Zusätzlicher Druck kommt aus der Politik: Einige Länder haben bereits eine Zuckersteuer eingeführt oder planen das. Nestlé sieht sich gezwungen, Gegensteuer zu geben. Das Unternehmen versucht seit einiger Zeit, den Anteil von Zucker, Salz und Fett in seinen Produkten so zu senken, dass es geschmacklich nicht auffällt. Ob Kunden das goutieren oder gleich zum Frisch-Produkt greifen, wird sich zeigen.

Sendebezug: Tagesschau, 19.30 Uhr