Abhängigkeit von Ölindustrie Norwegen wappnet sich für «die Zeit danach»

Norwegen ist einer der zehn grössten Erdöl-Exporteure der Welt. Im Gegensatz zu anderen Staaten hat das reiche, skandinavische Land für die Zeit nach dem Ölboom vorgesorgt.

Wenn eine norwegische Ölplattform draussen im stürmischen Nordatlantik nicht mehr benutzt wird, dann wird sie an einen ruhigeren Platz in einem geschützten Fjord geschleppt. «In diesem Jahr sind alle Fjord-Ständplätze für unbenutzte Ölplattformen besetzt», sagt Erdölexperte Lars Eirik Nicolaisen.

Die Branche stecke in einer tiefen Krise. Er schätzt, dass wegen der tiefen Ölpreise und dem Rückgang der Förderung bis zu 100'000 Arbeitsplätze in der Norwegischen Ölindustrie verloren gehen könnten. Besonders zu spüren ist dies in der westnorwegischen Provinz Rogaland, wo fast die Hälfte aller Jobs von der Ölindustrie abhängig sind, wie jener des Bankers Magnus Andreassen.

Baisse gut gegen Überhitzung

«Zu all den direkten Angestellten kommen noch all jene hinzu, die indirekt vom Ölgeld profitieren.» Er unterstreicht, dass dieser Abschwung regional sehr grosse Konsequenzen haben wird. Für Norwegen als ganzes sind die aktuellen Veränderungen nicht nur negativ. Nach Jahren der wirtschaftlichen Überhitzung hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt beruhigt. Weil die hochbezahlten Öljobs verschwinden, sind Studienabgänger nun wieder bereit, Stellen in der übrigen Industrie oder im öffentlichen Sektor anzunehmen.

Zudem hat die norwegische Krone in den letzten zwei Jahren an Wert eingebüsst, was dem Export von Fischprodukten und dem Tourismus gut getan hat. Obwohl die bürgerliche Regierung krampfhaft versucht, neue Ölfelder in der ökologisch sehr sensiblen Arktis jenseits des Polarkreises anzuzapfen, sind sich Fachleute dennoch einig, dass die goldenen Zeiten mit dem schwarzen Gold vorbei sind.

Rechtzeitig einen Fonds geäufnet

Im Unterschied zu anderen Staaten wie Venezuela oder Russland wird Norwegen jedoch nicht an einem Kater nach dem Ölrausch zu leiden haben, sagt Andreassen. «Wir haben etwas getan, was kein anderes Land zuvor getan hat: Alle unsere Überschüsse aus dem Öl haben wir in einem staatlichen Fonds angelegt.»

In diesem Fonds liegen nun umgerechnet fast 800 Milliarden Franken. Der Aufbau eines der weltgrössten Fonds gelang den Norwegern in gerade mal 20 Jahren. Die erste Einzahlung erfolgte 1996. Letztes Jahr kam die Wende: Erstmals holte die Regierung mehr Geld aus dem Fonds, als das sie einzahlte. Auch dies ein klares Zeichen für den Wandel in der norwegischen Wirtschaft. Trotzdem müsse sich das nordische Land wenig finanzielle Sorgen machen, ist Andreassen überzeugt.

«Wir haben eine fantastische Situation. Während die meisten Länder bis über beide Ohren verschuldet sind, haben wir so viel Geld auf die Seite legen können, dass die Renten auch für künftige Generationen praktisch gesichert sind.» Bleibt Norwegen bei seinem umsichtigen Umgang mit seinem Ölfonds, dann wird das Land noch lange alleine von den Dividenden des Ölgeldes leben können.