Notenbankchefin kritisiert wachsende Ungleichheit

Notenbanker legen jedes Wort auf die Goldwaage. Umso mehr erstaunt es, dass Janet Yellen, Chefin der US-Notenbank, Klartext sprach: Der amerikanische Traum sei akut gefährdet, wenn die Kluft zwischen Arm und Reich weiter wachse, erklärte sie. Eine hochpolitische Aussage, die zu reden gibt.

Yellen spricht ins Mikrofon bei ihrer Rede in Boston.

Bildlegende: Yellen sorgt sich um die Einkommens- und Vermögensverteilung in den USA. Reuters

Das Rednerpult ist etwas zu hoch, der Kopf von Janet Yellen nur knapp sichtbar. Doch was die 160 cm grosse Chefin der US-Notenbank am Freitag an einer Konferenz in Boston sagte, schlägt Wellen im ganzen Land: «Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in den Vereinigten Staaten beschäftigt mich sehr.»

Der Trend der letzten Jahrzehnte lasse sich so zusammenfassen: «Viel mehr Einkommen und Vermögen für einige Wenige an der Spitze, im besten Fall gleicher Lebensstandard für alle anderen, also die Mehrheit der Leute.» Kurz: Die Reichen gewinnen, der Rest der Bevölkerung tritt am Ort, kritisiert die 68-Jährige.

Wenn das so weitergehe, sagte sie, dann sei der «American Dream» – die Idee, dass es in den USA jeder schaffen kann, wenn er nur genug hart arbeitet – in Gefahr. Oder wie es Yellen formulierte: «Man muss sich fragen, ob die wachsende Ungleichheit mit den amerikanischen Werten vereinbar ist, unter anderem mit der Prämisse, dass alle Leute eine faire Chance haben sollten.»

Macht die Notenbank Wahlkampf?

Solche Aussagen ist man sich vielleicht von linken Politikern gewohnt, von den Demokraten in den USA, die den Kampf gegen die wirtschaftliche Ungleichheit zu einem ihrer Wahlkampfthemen gemacht haben. Dass sich jedoch eine Notenbankerin politisch derart stark zum Fenster hinauslehnt, ist aussergewöhnlich.

Für Ben Bernake, Yellens Vorgänger, war das Thema derart heikel, dass er es 2007 in einer Rede elegant umschiffte, indem er flugs sagte, mit der wirtschaftlichen Ungleichheit müsse sich die Politik, nicht die Notenbank beschäftigen. Kein Wunder also, sorgen Yellens Aussagen für Aufregung.

Das entspreche nicht der Praxis, schreibt etwa die konservative Zeitung «Washington Times». Das sei für eine Notenbankerin fast schon radikal, findet die «New York Times». Kritiker befürchten nicht ganz zu Unrecht, dass die Aussagen zweieinhalb Wochen vor den Zwischenwahlen parteipolitisch interpretiert werden. Einige Republikaner sehen sich denn auch in ihrem Verdacht bestätigt, die Notenbank sei nicht neutral.

Kein Wort über Rolle der Notenbank

Andere Kritiker weisen darauf hin, dass auch interessant sei, was Yellen nicht gesagt habe. Etwa, dass die Notenbank selber wohl zur wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit beigetragen hat – mit ihrer expansiven Geldpolitik, die die Börsen in den letzten Jahren beflügelt und so die sowieso schon Reichen noch reicher gemacht hat.

Doch warum exponiert sich Yellen derart? Das Thema liegt der Ökonomin am Herzen. Sie will darauf aufmerksam machen, und sie scheut auch nicht vor ungewohnten Methoden zurück. Genau so, wie sie auch sonst keine traditionelle Notenbankchefin ist.

Yellen macht eigene «Feldforschung»

Vor ihrer Rede besuchte sie ein Gemeindezentrum. Dort traf sie sich mit Menschen, die lange arbeitslos waren oder es noch immer sind. Im Anschluss sagte eine Frau im Lokalfernsehen, es sei ausserordentlich, dass die oberste Währungshüterin sich für das Leben normaler Bürger interessiere und persönlich wissen wolle, wie ihre Geldpolitik in der Praxis wirke.

Kaum vorstellbar, dass ein weiterer Vorgänger Yellens, Alan Greenspan, je so etwas getan hätte. Er zog es vor, statistische Daten zu studieren – mit Vorliebe zuhause, während er sich ein warmes Bad gönnte.