Nun wird die Finanzkrise vor Gericht aufgearbeitet

Den Einschätzungen der Ratingagenturen vertrauten viele Banken und Fonds weltweit. Doch in der Finanzkrise verloren die Agenturen an Glaubwürdigkeit. Nun wird Standard & Poor‘s in den USA juristisch zur Verantwortung gezogen.

2007 standen die Finanzmärkte am Rand des Zusammenbruchs. Tragen die Ratingagenturen Verantwortung für den Ausbruch der Finanzkrise?

Schon vor zwei Jahren hielt eine Untersuchungskommission zur Finanzkrise fest: Ratingagenturen wie Standard & Poor‘s, Moody's und Fitch haben eine Schlüsselrolle gespielt. Auf ihr Urteil hatten sich Banken und Fonds weltweit verlassen. Nun zieht die US-Regierung Standard & Poor's vor Gericht.

Erstmals überhaupt muss sich damit eine der drei global einflussreichsten Ratingagenturen juristisch verantworten. Thomas Straubhaar ist Ökonom und Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Er hofft auf eine Signalwirkung der Klage. Sie sei ohne Zweifel ein Angriff auf das Kartell der Ratingagenturen, sagt er.

Aktienkurse von S&P brachen ein

An den Börsen war die Verunsicherung nach Einreichung der Klage gross: Die Aktienkurse von S&P sowie von Konkurrent Moody's brachen ein.

Standard & Poor's selbst bezeichnete die Klage als unbegründet und ungerechtfertigt. Auch niemand sonst habe das volle Ausmass des Abschwungs am Immobilienmarkt vorhergesehen, argumentiert das Unternehmen. Beat Soltermann, USA-Korrespondent für Radio SRF, sagt: Mit dieser Argumentation ist es Ratingagenturen zuvor gelungen, Klagen im Keim zu ersticken

Schwierige Beweislage

In der Tat dürfte es schwer werden, der Ratingagentur ein Fehlverhalten nachzuweisen, sagt Friedrich Heinemann. Er ist Finanzmarktexperte am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. «Allein ein Fehlurteil ist kein Grund für eine Klage, denn die sagen mit Recht, wir geben ja nur Einschätzungen ab.»

Kritischer wäre, sagt der Experte, wenn man S&P nachweisen könnte, dass sie fahrlässig ein falsches Urteil gegeben worden. Dieser Nachweis könnte Jahre dauern. Und er dürfte Heerscharen von Anwälten ein gutes Einkommen sichern.

Gerichtsfall ist teuer

Die hohen Kosten einer solchen Klage könnten auch der Grund sein, warum vorerst nur eine Agentur vor den Kadi gezogen wird.

Bei einer Verurteilung drohen Standard & Poor's hohe Geldbussen. Laut US-Medienberichten geht es um eine Milliarde Dollar. Doch es geht nicht nur um Geldzahlungen. «Wenn Standard & Poor's eine Schuld eingestehen müsste, könnte das weiteren Klagen Tür und Tor öffnen», sagt Soltermann.

In Australien verurteilt

Das Image der Ratingagenturen hat ohnehin schon gelitten. Auf dem Nebenschauplatz Australien hat ein Gericht Standard & Poor's gerade zur Zahlung einer millionenschweren Entschädigung verurteilt. Und der deutsche Bundesgerichtshof hat Mitte Januar entschieden, dass Ratingagenturen in Deutschland grundsätzlich wegen ihrer Einschätzung verklagt werden können. All das zeigt: Die Luft für die Ratingagenturen wird langsam dünner. (lin)