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Wirtschaft Öl sei Dank – oder auch nicht

Teure Nahrungsmittel stürzten vor wenigen Jahren etliche Entwicklungsländer in eine Krise. Als Ursache für den Preisanstieg wurden oft die Spekulation und die Biosprit-Produktion genannt. Anhand der wieder sehr tiefen Getreidepreise zeigt sich, wie übermässig der Ölpreis jeweils die Lage diktiert.

Mais-Produktion in den USA.
Legende: Bei der Mais-Produktion hängen rund zwei Drittel der variablen Kosten vom Energiemarkt ab. Keystone/Archiv

So billig waren Mais, Weizen und Soja seit Jahren nicht mehr. Mit 3,5 Dollar pro Scheffel (35,2 Liter) beim Mais und weniger als fünf Dollar beim Weizen seien die Preise real wieder auf dem Niveau von 2006/2007, erklärt Josef Schmidhuber von der UNO-Landwirtschaftsorganisation FAO in Rom. Dies liege auch an den tiefen Rohölpreisen, vielleicht mehr, als viele Beobachter wahrhaben wollten.

Dünger, Pestizide, Diesel...

Wie gross der Anteil der Ölpreise an den Nahrungsmittelpreisen ist, hängt laut Schmidhuber vom Rohstoff ab. Am extremsten ist nach seinen Worten der Einfluss beim Mais: «Ungefähr 65 Prozent der variablen Kosten haben direkt oder indirekt mit den Energiemarkt zu tun. Das sind Stickstoffdüngemittel, Pestizide, Diesel und Schmierstoffe.»

Die Produktion von Mais etwa braucht also Öl. Mais ist aber auch einer der wichtigsten Rohstoffe für die Biospritproduktion. In vielen Ländern gibt es einen Beimischungszwang: Ein bestimmter Anteil des Kraftstoffbedarfs muss über Biosprit gedeckt werden, um den Verbrauch fossiler Energieträger zu bremsen.

Enormer Einfluss des Ölpreises bestätigt

Als der Rohölpreis auf Rekordstand war, war das für Bauern recht attraktiv: Bis zu 40 Prozent der US-Maisernte landete zeitweise im Tank statt auf dem Teller. In dieser Zeit stiegen die Preise für Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel kräftig.

Das führte nicht nur zu Revolten wie etwa dem «Tortilla-Aufstand» in Mexiko von 2007. Es gab auch einen erbitterten Streit darüber, ob nun die Biospritproduktion oder die Spekulation an den Rohstoffbörsen Schuld an den Preissprüngen war. Eindeutig entschieden wurde der Streit nie.

Das renommierte «International Food Policy Research Institute» in Washington sagt nun wie die FAO: Schuld war zum grossen Teil der Ölpreis. So rechneten die Experten aus, dass der hohe Rohölpreis allein zwischen 2001 bis 2007 zu Preisaufschlägen von bis zu 40 Prozent bei Mais, Weizen und Sojabohnen geführt hatte.

Weniger Nahrungsmittel im Tank

Jetzt, wo der Rohölpreis eingebrochen ist, zeigt sich der umgekehrte Effekt: Mit den Ölpreisen sinken auch die Nahrungsmittelpreise. Was auch daran liege, dass immer weniger Mais oder Weizen im Tank landeten, ergänzt Schmidhuber: Nur der Beimischungszwang garantiere noch eine Mindestabnahme. Komme hinzu, dass mit den aktuell tiefen Energiepreisen auch die Düngemittel sehr billig geworden seien, was die Kosten sinken lasse.

Die Preise für Mais und andere Agrarrohstoffe sind sogar noch viel tiefer gefallen als der Ölpreis. Ein Grund dafür könnten höhere Investitionen in die Landwirtschaft sein, vermuten Experten. Um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten, haben Schwellenländer wie China, Vietnam oder Indien in Zeiten rekordhoher Lebensmittelpreise die Zuschüsse für ihre Bauern erhöht. Inzwischen sind die Lager auch weltweit randvoll mit Reis und Weizen gefüllt.

Kein rascher Umschwung in Sicht

Und auch von anderer Seite deuten die Zeichen auf Entspannung. Agrarexperte Schmidhuber zählt auf: «Es gibt keine grossen Wetterschocks, auch von El Niño kaum. Das Weltwirtschaftswachstum ist nicht eingebrochen, ein langsames Wachstum gibt es insbesondere auch in China. Auch gibt es keine neuen Beimischunszwänge und die Kapitalkosten sind sehr niedrig.»

Vieles spricht also dafür, dass die Agrar- und Lebensmittelpreise noch eine ganze Weile im Keller bleiben.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Thomas Zangerl (TZ)
    Es hat eben alles seine 2 Seiten. Schlecht für die Bauern aber die Hochpreistreiberei und das ewige schmarozzerhafte Subventionieren muss auch mal gedämpft werden. Gerade die neuen 'demokratischen' Diktaturen wie jetzt Türkei, Russland, auch China und all die anderen kriegen empfindlich in Zukunft eins auf die Finger geklopft, wenn sie nicht mehr so leicht auf Stimmenfang gehen können und die Politiker sich brüsten, das wäre ihr wirtschaftl. Verdienst obwohl sie einen feuchten Dreck getan haben.
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