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Erste Säule unter Druck Patrons lieben die Dividendensteuer

Weniger Lohn ist für Unternehmer und Selbständigerwerbende oft kein Grund zum Heulen. Schmerzhaft wird es für die AHV.

Legende: Audio Dividenden statt Lohn - zum Nachteil der AHV abspielen.
5:49 min, aus Echo der Zeit vom 05.07.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Mit der Unternehmenssteuerreform II (USR II) sind die Dividenden seit 2011 steuerlich begünstigt.
  • Unternehmer und Selbstständigerwerbende zahlen sich deshalb ihren Lohn vermehrt in Dividenden aus.
  • Das führt zu Ausfällen bei der AHV-Ausgleichskassen, denn auf Dividenden gibt es keine AHV-Beiträge. Die Ausgleichskassen sprechen von einer «Gefahr für die AHV».
  • Der Gewerkschaftsbund schätzt die Ausfälle für die AHV aufgrund der öffentlichen Statistiken auf jährlich 350 Millionen Franken.
  • Das Bundesamt für Sozialversicherungen will sich zu den finanziellen Folgen für die AHV nicht äussern, da keine zuverlässigen Zahlen vorlägen.

Die AHV-Rechnung gerät nicht nur immer stärker aus dem Gleichgewicht, weil zunehmend weniger Aktive für mehr Rentner zahlen müssen. Es ist auch wegen der Unternehmenssteuerreform II. Seit diese 2011 in Kraft gesetzt worden sei, gehe die AHV öfters leer aus, sagt Andreas Dummermuth, Präsident der Konferenz der AHV-Ausgleichskassen. Der Grund: Der Gesetzgeber hat Dividenden steuerlich attraktiver gemacht.

«Eine Gefahr für die AHV»

Dummermuth spricht von einer «Gefahr für die AHV». Und zwar deshalb, weil es für Unternehmer und Selbstständigerwerbende interessant geworden ist, sich mehr Dividenden und weniger Lohn auszuzahlen. Denn bei Dividenden wird im Gegensatz zu Löhnen keine AHV abgezwackt.

Daniel Lampart, Chefökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, pflichtet Dummermuth bei: Die Firmeneigentümer nutzten die starken Steuerrabatte durch die USR II, was inzwischen der AHV schade.

BSV: Kein Kommentar zu Schätzungen

Das Bundesamt für Sozialversicherungen bestätigt schriftlich, dass die attraktive Dividendenbesteuerung zu einer Verlagerung weg vom Lohn hin zu den Dividenden führe. Damit werde das Beitragssubstrat der AHV vermindert. Ein Interview lehnt das Bundesamt ab. Die finanzielle Auswirkung der USR II auf die AHV könne nicht zuverlässig eruiert werden.

Lampart hat den Ausfall aufgrund öffentlicher Statistiken geschätzt und ist auf jährliche Ausfälle für die AHV von 350 Millionen Franken gekommen. Das sind innerhalb von sechs Jahren über zwei Milliarden Franken.

Immer mehr Einmann-Aktiengesellschaften

Ein Indiz dafür, dass Lamparts Rechnung nicht aus der Luft gegriffen ist, ist der Anteil der AHV-Beiträge von Selbstständigerwerbenden am Total der AHV-Einnahmen. Sie gehen seit einigen Jahren zurück. Auch organisieren sich Anwälte, Ärzte und Architekten immer mehr in Aktiengesellschaften und GmbHs.

Die AHV-Ausgleichskassen stellen mehr und mehr fest, dass es Firmen gibt, die als Einmann- und Einfrau-AG fungieren. In dieser «Dreifaltigkeit» als Verwaltungsratspräsident, Geschäftsleiter und Aktionär könne dann jeder selbst entscheiden, wie viel AHV-Beiträge er bezahlen will, konstatiert Dummermuth.

Vollständig auf einen Lohn zu verzichten wäre missbräuchlich. Sich einen Teil der Entschädigung jedoch als Dividende auszuzahlen, werde ab einem Einkommen von 120'000 Franken interessant, sagt Lampart.

Auf einem Auge blind

Besondere Anreize, mehr Dividenden als Lohn zu beziehen, dürfte vor allem in jenen Kantonen bestehen, in denen Dividenden am schwächsten besteuert werden. Aber so genau weiss das niemand. Denn die Steuerbehörden zeigten sich wenig kooperativ, wenn es um den Austausch von Informationen gehe, kritisiert Dummermuth: «Die Steuerverwaltungen melden den Ausgleichskassen die Dividendenzahlungen nicht. Wir sind also auf einem Auge blind.»

Untätig sind die Ausgleichskassen aber keineswegs: Orten sie ein Missverhältnis zwischen Lohnauszahlung und Dividendenbezug, schreiten sie ein. Sie qualifizieren überhöhte Dividenden als beitragspflichtigen Lohn und fordern geschuldete AHV-Beiträge ein. Das Bundesgericht hat die Ausgleichskassen bereits in mehreren Fällen gestützt.

Doppelbesteuerung als Gegenargument

Trotzdem zweifelt Mario Salvi vom Think Tank Avenir Suisse daran, dass Dividenden für Unternehmer und Selbstständigerwerbende derart interessant sind. Er verweist darauf, dass Dividenden ausgeschüttete Gewinne der Unternehmen sind, die mit der Unternehmenssteuer schon einmal besteuert wurden: «Man muss aufpassen, dass diese zwei Wege, Gewinne auszuschütten, im Lot sind. Das sind sie in der Schweiz im Moment.»

Bei der nächsten Steuervorlage ist eine Kurskorrektur angedacht. Der Bundesrat möchte Dividenden wieder stärker besteuern. Damit dürfte sich das Problem für die AHV wesentlich entschärfen, schreibt das Bundesamt für Sozialversicherungen.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli (Bruno Hochuli)
    Wer macht denn die Gesetze? Die Hochfinanz wird etwas dagegeben haben, damit die Steuern nicht zu hoch ausfallen. Aber das war schon immer so. Das Volk ist zu wenig schlau um die Argumente der Gegner zu durchschauen, darum haben sie auch immer erbarmen mit den Reichen gehabt.
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  • Kommentar von Paul Grunder (Zimmermeister)
    Hat man wieder Schuldige gefunden. Aber dass Investoren und Firmeninhaber dazu beitragen, Arbeitsplätze zu erhalten und dass viele von ihnen weit über 65 arbeiten und AHV etc. einzahlen, davon spricht niemand. Ich spreche nicht von den Abzockern, sondern vom Mittelstand. Paul Grunder, mit Freude Unternehmer, bald 70
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  • Kommentar von Roger Stahn (jazz)
    «Denn bei Dividenden wird im Gegensatz zu Löhnen keine AHV abgezwackt.» Aber dafür happige Steuern (>50%) abgezwackt, wenn die Dividende von einem Unternehmen an die Anteilsinhaber ausgezahlt wird.
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    1. Antwort von Daniel Ehrlich (DE)
      @Roger Strahm Ihre Aussage stimmt nicht. Löhne müssen zu 100% versteuert werden. Die Dividende muss von Grossaktionären aber nur zu 50% versteuert werden. Das heisst eine Dividende von 500'000 Franken wird nur wie ein Lohn von 250'000 Franken besteuert. Das Ganze gilt aber nur für Dividenden von Grossaktionären (Beteiligung mehr als 10%). Diese Bevorzugung der Grossaktionäre ist eine Sauerei und lässt sich mit dem Gleichbehandlungsgebot der Bundesverfassung nicht vereinbaren.
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    2. Antwort von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
      @Daniel Ehrlich - Dazu muss aber ergänzend festgestellt werden, dass die Dividenden der normalen Unternehmenssteuer unterliegen, sie werden also zweimal besteuert. Und das Gleichbehandlungsgebot ist bei den Steuern sowieso nicht gegeben, insofern niedrige Löhne (z.B. Teilzeit) mit niedrigen Steuersätzen belohnt werden. Für Gleichbehandlung wäre eine Flat Tax Rate (gleicher Steuersatz für alle) notwendig.
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    3. Antwort von Daniel Ehrlich (DE)
      @Walter Starnberger Die Dividenden der Kleinaktionäre unterliegen ebenfalls einer doppelten wirtschaftlichen Besteuerung. Hier gibt es aber keine Korrektur, nur bei demjenigen, der viele Aktien hat. Die Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ist in der Verfassung verankert. Es ist demnach logisch, dass jemand, der 500'000 Franken verdient mit einem höheren Steuersatz besteuert wird als jemand der 25'000 Franken pro Jahr verdient.
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    4. Antwort von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
      @Daniel Ehrlich - Stimmt, da muss ich zugeben dass das so in der Bundesverfassung steht. Trotzdem denke ich dass eine Flat Tax Rate wie sie einige Kantone haben dem Gundsatz nicht widersprechen würde.
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    5. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Walter Starnberger, die Doppelbesteuerung ist so alt wie unser Aktienrecht. damit war die USR II im Vergleich zum Vorzustand ein Steuergeschenk an Grossaktionäre der eigenen Firma und ein Diebstahl an der AHV.
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