Plötzlich wollen alle fair produzieren

Im zentralamerikanischen Costa Rica drohen die Pioniere der Fairtrade-Idee Opfer ihres Erfolgs zu werden. Weil sich immer mehr grosse Produzenten zertifizieren lassen und den Kleinen Marktanteile streitig machen.

Ananasfeld in Costa Rica.

Bildlegende: Ananasfeld in Pueblo Nuevo: Übers ganze Jahr können hier Früchte geerntet werden. Klaus Ammann

Die Sonne brennt. Stachlige Blätter so weit das Auge reicht, dazwischen Ananas in ganz unterschiedlichen Grössen. Mittendrin auf diesem Feld rund 100 Kilometer nördlich der costaricanischen Hauptstadt San José steht Laura Gomez.

Fairtrade-Bäuerin Laura Gomez mit Schaufel bei der Arbeit.

Bildlegende: Bäuerin Laura Gomez produziert ihren Dünger selbst. Dazu verwendet sie den Mist ihrer rund 60 Schafe. Klaus Ammann

Vor gut zwei Jahren hat sie auf Fairtrade umgestellt. Hauptgründe waren: der gute garantierte Preis und die zuverlässige Bezahlung. Sie habe vor allem die Hygiene verbessern und ihre Lohnarbeiter besser ausrüsten müssen. Das alles werde von Fairtrade regelmässig kontrolliert, sagt Doña Laura, wie sie hier alle nennen.

Sie erhalte aber auch wichtige Ratschläge von den Experten. Zum Beispiel, wie sie ihre eigenen biologischen Dünge- oder Schädlingsbekämpfungsmittel herstellen könne, um nicht teure Produkte einkaufen zu müssen.

Fairtrade-Label auch für grosse Plantagen

Mehr Probleme als die Natur macht Doña Laura aber in letzter Zeit der Markt. Seit einiger Zeit setzen auch die grossen Plantagen auf Fairtrade und decken so einen wachsenden Teil der Nachfrage: die Klein-Bäuerin kann nur noch rund 40 Prozent ihrer Ananas zum Fairtrade-Preis verkaufen.

Yoriely Villalobos koordiniert die Kleinbauern-Kooperative, zu der Doña Laura gehört. Es sei falsch, dass auch grosse Plantagen das Fairtrade Label erhalten, sagt sie.

Die Grossen können günstiger produzieren und Kunden besser an sich binden, weil sie regelmässiger liefern können. Dass Fairtrade-Label sei aber ursprünglich für die Kleinbauern geschaffen worden. Nun fordert die engagierte Mittdreissigerin für Fairtrade-Produkte von Kleinbauern ein eigenes Label.

Bisher seien entsprechende Vorstösse bei der Internationalen Fairtrade-Organisation FLO jedoch auf taube Ohren gestossen.

Kampf um die Label

In der Schweiz, wo ein Grossteil von Doña Lauras Ananas landen, ist die Max-Havelaar-Stiftung für das Fairtrade-Label zuständig. Geschäftsführerin Nadja Lang versteht das Bedürfnis der Kleinbauern nach Unterscheidung – ein separates Label lehnt sie aber ab.

Frau etikettiert fair produzierte Ananas.

Bildlegende: Obwohl ein Grossteil der Ananas den Fairtrade-Kriterien genügt, muss er als konventionelle Ware verkauft werden. Klaus Ammann

Der Fairtrade-Code zeige dem Konsumenten im Detail, woher jedes Produkt komme. Ausserdem würde ein zusätzliches Label die Konsumenten wohl verwirren, ist Lang überzeugt. Und dass Fairtrade neben den Kleinbauern auch grosse Plantagen zertifiziere, sei absolut richtig, so die Max-Havelaar-Chefin.

Den selbständigen Kleinbauern sichere Fairtrade den Marktzugang, in den Plantagen sorge das Label für faire Arbeitsbedingungen für die angestellten Lohnarbeiter. Das eine dürfe nicht gegen das andere ausgespielt werden.

Kleine müssen kooperieren

Ganz alleine lasse Fairtrade International die costaricanischen Kleinbauern jedoch nicht. Mit der Prämie, die ihre Kooperative für jedes verkaufte Kilo erhalte, könnten die Ananas-Bauern ihre Zusammenarbeit stärken und dafür schauen, dass sie übers ganze Jahr qualitativ hochstehende Ananas nach Europa liefern können. Kleinbauern, denen dies gelinge, würden nicht aus dem Markt verdrängt.

Ob die Theorie aus der Schweiz in der costaricanischen Praxis aufgeht, bleibt offen. Die Kleinbauern sind auf jeden Fall gefordert, denn die grossen kontrollieren den Ananas-Markt zu über 90 Prozent.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Fairer Handel: Wenn die Grossen die Kleinen konkurrenzieren

    Aus Trend vom 21.6.2014

    Bewusst einkaufen liegt im Trend, immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten orientieren sich an Labels, die versprechen, dass Produkte aus der Region und oder aus biologischem Anbau stammen und im Einklang mit der Natur produziert wurden.

    Eines der ersten und wichtigsten Labels in der Schweiz, ist "Max Havelaar". Immer mehr Produkte tragen das Gütesiegel für fairen Handel: neben Lebensmittel auch Blumen oder Unterwäsche. Doch was heisst das genau, für die Produzenten, für die Bauern in den Entwicklungsländern, die Produkte pflanzen und pflücken? "Trend" hat in Costa Rica nachgefragt.

    KLAUS AMMANN