Inländervorrang light Private Stellenvermittler warnen vor Bürokratie-Monster

  • Ab dem 1. Januar 2018 müssen Arbeitgeber in Berufsgruppen oder Regionen, wo die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich ist, ihre Stellenangebote erst den Arbeitsämtern geben.
  • Diese vermitteln ihnen geeignete Leute aus ihren Datenbanken, bevor die Stelle öffentlich ausgeschrieben wird.
  • Auch private Personalvermittler wie der weltgrösste Anbieter Adecco mischen mit.
  • Sie sehen nicht allein ein Geschäft, sondern auch eine Reihe von Herausforderungen auf sich zu kommen.

Schon heute sind bei fast der Hälfte der Stellen, die in einem Jahr neu angetreten werden, private Personalvermittler mit von der Partie. Dabei arbeiten sie auch schon mit den RAVs zusammen, erklärt Martin Vonesch vom Branchen-Primus Adecco: «Wenn wir eine Stelle zu besetzen haben, können wir heute schauen, ob die RAVs geeignete Kandidaten haben.»

Trotzdem sorgt der Inländervorrang light beim Branchenverband swissstaffing derzeit vor allem für Kopfzerbrechen. Einerseits bringe die Pflicht, offene Stellen zu melden, einen grossen administrativen Aufwand mit sich, erklärt Direktorin Myra Fischer-Rosinger. Andererseits gebe es auch ein zeitliches Problem: «Die Mehrheit der Stellen werden innert Stunden oder maximal Tagen angetreten.»

Mit dem vorliegenden Konzept sei allerdings eine Karenzfrist vorgesehen, sagt Fischer-Rosinger: «In dieser Zeit darf man de facto gar niemanden anstellen. Man muss abwarten, bis das RAV Kandidaten gefunden hat und die Interviews durchgeführt worden sind.»

Dies treffe die privaten Stellenvermittler sehr stark. Sie fordern deshalb, dass diese Sperre von fünf auf nur zwei Tage reduziert wird. Die Suche nach geeignetem Personal für offene Stellen muss deutlich schneller ablaufen.

Die Herausforderungen für die RAV

Vom 1. Januar an müssen Arbeitgeber in Branchen, in denen die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch ist, ihre Stellenangebote zuerst den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) geben. Ein sportlicher Plan, finden die RAV der Kantone: Sie zweifeln, ob sie rechtzeitig fit sind für die Umstellung. Auch SRF-Wirtschaftsredaktor Andi Lüscher hält den Fahrplan für optimistisch: Organisation, IT und Personalbestand müssten angepasst werden: «Die RAV sagen unisono, dass sie mehr Zeit brauchen.»
Unklar sei zudem, wie stark das Personal aufgestockt werden müsse. Zudem müsse das bestehende Personal für die neuen Aufgaben geschult werden: «Bis jetzt waren sie vor allem Berater. Neu sind sie auch Vermittler und müssen Stellensuchende und Arbeitgeber zusammenbringen. Das erfordert neue Qualifikationen.» Schliesslich stünden die RAV, so Lüscher, auch in Sachen IT vor neuen Herausforderungen: Private Personalvermittler verfügten derzeit über effizientere Systeme, um den Stellenmarkt personenbezogen zu sondieren.

Die Privaten möchten deshalb künftig in den Systemen der RAV nicht nur auf das Personal, sondern auch direkt auf die grosse Menge der Stellen zugreifen können, die neu auf deren Tischen landen, sagt Fischer-Rosinger: «Wenn diese Systeme optimiert würden, könnten sowohl die RAV-Berater als auch die privaten Personaldienstleister schneller und wirksamer gute Matches bilden.»

Dafür müssten die IT-Systeme von öffentlichen und privaten Vermittlern ausgebaut und enger miteinander verknüpft werden. Diese Schnittstellen genau festzulegen und die Computer-Systeme entsprechend anzupassen, sei allerdings bis Ende Jahr kaum zu bewerkstelligen, bilanziert die Direktorin von swissstaffing.

Für Martin Vonesch von Adecco bedeutet das: vorderhand Mehraufwand statt Ertrag. «Wir sehen einerseits vor allem auf IT-Seite Investitionskosten. Andererseits müssen wir schauen, ob wir personell aufstocken müssen, um diese Meldungen zu vollziehen.» Adecco und swissstaffing rechnen diesbezüglich mit einer Verzögerung von mehreren Monaten.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Adecco-Gruppe wächst weiter

    Aus Tagesschau vom 10.8.2017

    Der weltgrösste Stellenvermittler kann seinen Umsatz im ersten Halbjahr 2017 um sechs Prozent steigern, den Gewinn um vier Prozent. Grund dafür ist der wirtschaftliche Aufschwung in Europa.