Raoul Weil: «Ich dachte, da hat sich einer in der Tür geirrt»

Fast ein Jahr lang verbrachte Raoul Weil, der ehemalige Chef der UBS Vermögensverwaltung, in italienischer Haft und unter Hausarrest in den USA – angeklagt wegen Beihilfe zu Steuerbetrug. Dann wurde er überraschend freigesprochen. Im Tagesgespräch spricht Raoul Weil über diese Zeit.

Raoul Weil lächelt in die Kamera

Bildlegende: «Es war für mich wirklich eine Erlösung, als ich wieder zu Hause bei meiner Familie war», erklärt Raoul Weil. SRF

Nach dem Freispruch wollte er nur noch heim zu seiner Familie und seinem Hund, sagt Raoul Weil. «Ich war ein Jahr lang unfreiwillig in Amerika, einem Land, das ich früher geliebt habe. Es war für mich wirklich eine Erlösung, als ich wieder zu Hause bei meiner Familie war.»

Begonnen hatte alles am 19. Oktober 2013, als er mitten in der Nacht in seinem Hotelzimmer in der italienischen Stadt Bologna verhaftet wurde. «Da erschrickt man schon. Ich dachte zuerst, da hat sich einer in der Tür geirrt», sagt Weil.

Wegen Beihilfe zu Steuerbetrug war er bereits 2008 von der USA angeklagt und als Flüchtiger ausgeschrieben worden. Mit einer Verhaftung in Italien habe er aber nicht gerechnet. «Ich habe das abklären lassen und man hat mir gesagt, dass eine Verhaftung ausserhalb der USA unwahrscheinlich ist». Dies stellte sich offenbar als Fehlinformation heraus.

Mehr als vier Millionen Seiten Unterlagen

Nach seiner Verhaftung folgte eine lange Zeit im Gefängnis und schliesslich die Gerichtsverhandlungen. Er sei von den Behörden richtig schikaniert worden, sagt Raoul Weil.

«Sie versuchten, meine Anträge auf eine Lockerung des Hausarrests zu verwässern. Ich bekam strikten Hausarrest, während andere Angeklagte frei im ganzen Bundesstaat New Jersey herumliefen.» Ausserdem hätten ihn die Behörden beispielsweise mit 4,5 Millionen Seiten Unterlagen konfrontiert, von denen nur 400 wirklich relevant waren.

«Ich hatte das Gefühl, dass man versucht, Druck aufzubauen, damit ich mich auf einen Vergleich mit den Amerikanern einlasse. »

Das wollte Raoul Weil aber nicht. Die Schikanen hätten bei ihm eine Art Gegenreaktion ausgelöst. Er entschied sich: «Jetzt fechten wir das aus.»
Er sei unschuldig und habe das auch beweisen wollen.

Grosse Erleichterung nach Freispruch

Hat Raoul Weil denn nichts gewusst von den Reisen seiner Kundenberater ins Ausland?

«Natürlich habe ich das gewusst», sagt Raoul Weil im Tagesgespräch von Radio SRF. Aber zu kontrollieren, ob die Bankkunden ihre Steuern richtig deklarieren vor dem Fiskus, das sei damals nicht die Aufgabe der Banken gewesen.

Der Freispruch sei für ihn dann eine grosse Erlösung gewesen: «Das ist, wie wenn ihnen jemand nach einem 30-Kilometer-Lauf den Rucksack abnimmt.»

Für eine Bank arbeitet Raoul Weil seither nicht mehr. Er ist als Berater tätig und hat ein Buch über seine Zeit als Angeklagter geschrieben, das ab dem 4. Dezember im Handel erhältlich ist.

Der Justizfall Raoul Weil

- 2008 wurde Raoul Weil in den USA wegen Beihilfe zu Steuerhinterziehung angeklagt und später als Flüchtiger ausgeschrieben

- 2013 wurde er auf einer Ferienreise in Italien verhaftet und später an die USA ausgeliefert

- Ende 2014 wurde er von einem Gericht vom Vorwurf der Beihilfe zu Steuerbetrug freigesprochen