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Wirtschaft Resistente Bakterien: Wenig Anreize für Antibiotika-Forscher

1999 hatte sich Roche aus dem Antibiotika-Geschäft verabschiedet. Jetzt engagiert sich der Pharmariese wieder. Doch die Aussichten auf schnellen Erfolg sind äusserst ungewiss. Dabei drängt die Zeit, denn resistente Bakterien sind eine wahre Zeitbombe.

Keime.
Legende: Multiresistenz: Bereits heute sterben laut WHO pro Jahr 700'000 Menschen, weil ihnen kein Antibiotikum helfen kann. Colourbox

Es vergeht kein Tag, ohne dass das Hygienelabor des Universitätsspitals Basel resistente Bakterien im Blut von Patienten findet. Andreas Widmer, stellvertretender Chefarzt und Leiter der Klinik für Spitalhygiene, warnt: «Patienten mit Knochen-Infektionen liegen sechs Monate statt drei Wochen im Spital. Und es gibt sogar Patienten, die nicht mehr behandelbar sind. Wir sind uns das nicht gewohnt.»

Andreas Widmer
Legende: Wäre auf neue Antibiotika angewiesen: Spital-Hygieniker Andreas Widmer. SRF

In der Schweiz sind die Verhältnisse noch nicht so krass wie in Griechenland. Dort besteht eine fünfzigprozentige Wahrscheinlichkeit, im Spital mit einem Keim in Kontakt zu kommen, der nicht mehr behandelbar ist. Die Gründe dafür sind vielfältig: Weltweit kommen Antibiotika falsch zum Einsatz, weil teure Labors für die Analyse der Erreger fehlen. Zudem werden in der Tiermast Antibiotika breitflächig verabreicht. Die Folge des Missbrauchs: Bakterien passen sich rasch an und verändern sich. Sie werden resistent gegen bestehende Antibiotika. Durch die globale Mobilität verbreiten sie die gefährlichen Erreger rasch auf der ganzen Welt.

Profit-Aussichten nicht gross genug

Gefahr droht noch von ganz anderer Seite: In der Forschung nach neuen Wirkstoffen melden sich die Grossen im Pharmageschäft nur zögerlich zurück. Zwar macht Sandoz gute Geschäfte mit herkömmlichen Antibiotika, die breit vermarktet werden. Doch die grosse Herausforderung liegt in der Entwicklung neuer Wirkstoffe und Verfahren gegen Resistenzen. Und hier sind es gerade einmal einige Dutzend vorwiegend kleinerer Unternehmen, die sich dieser Aufgabe stellen.

Nebst jahrelang mühseliger Forschungsarbeit mit entsprechenden Rückschlägen sieht Spitalhygieniker Andreas Widmer vor allem einen Grund: «Die Profitmarge von Antibiotika beträgt rund ein Zehntel von anderen Substanzen, etwa gegen Rheuma oder Krebs. Dort kann man mit dem gleich Zeitaufwand zehn Mal mehr Gewinn erwirtschaften, so dass jeder vernünftige CEO sagt, Hände weg von der Antibiotika-Forschung.» Der Preisvergleich zeigt: Antibiotika bringen vier bis acht Franken pro Tag ein, so genannte monoklonale Antikörper in der Krebsbehandlung zwischen 10‘000 und 30‘000 Franken.

Diese Aussage mag überspitzt tönen, doch sie trifft den Kern des Problems. Auf der langwierigen Suche nach neuen Wirkstoffen und Verfahren befindet sich etwa die Basler Polyphor. Ihr vielversprechender Wirkstoff, das Molekül POL7080, soll das Wachstum von Pseudomonas-Bakterien stoppen. Sie verursachen häufig schwere Lungen-Infektionen bei Patienten, die künstlich beatmet werden.

Hin und Her bei Roche in der Antibiotika-Forschung

Im November 2013 erwarb Roche Lizenzrechte für 35 Millionen Franken und wollte zur Weiterentwicklung bis 465 Millionen Franken bereitstellen. Doch vor wenigen Monaten zog sich Roche überraschend zurück und begründete dies kryptisch mit der Einschätzung des zu erwartenden Fortschrittes des Entwicklungsprogrammes. Möglicherweise lässt der wirtschaftliche Erfolg für Roche zu lange auf sich warten, obwohl der Wirkstoff bereits am Menschen erprobt wird.

Dies, obwohl Roche-CEO Severin Schwan in einem aktuellen Interview zu «ECO» sagt: «Wir sind wieder in die Antibiotika-Forschung eingetreten.» Allerdings seien die meisten Entwicklungen in diese Richtung noch «in einem relativ frühen Stadium».

Aufruf am WEF

Vor einer Woche unterzeichneten die Vertreter von 80 Pharmafirmen am Weltwirtschaftsforum in Davos eine gemeinsame Erklärung. Darin warnen sie vor der dramatischen Zunahme von resistenten Bakterien gegen Antibiotika. Sie fordern stärkere finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand bei der Forschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe und einen erweiterten Patentschutz.

Der Patentschutz funktioniere immer noch auf dem Konzept, dass ein neues Antibiotikum zehn Jahre nach der Entdeckung auf den Markt komme, sagt Spitalhygieniker Andreas Widmer: «Doch heute dauert das zwanzig Jahre, und dann ist bereits ein Generikum auf dem Markt – und der Profit geht nicht mehr an das Unternehmen, das den Wirkstoff entwickelt hatte.» Dabei dämpft er alle Erwartungen: Eine wirklich neue Antibiotika-Substanz sei am Pharma-Horizont momentan nicht in Sicht.

Unnötiger Antibiotika-Einsatz

Antibiotika gegen unkomplizierte Infekte der oberen Luftwege ist nach Ansicht der Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) eine von fünf überflüssigen Behandlungen, die es zu unterlassen gilt. Die Infekte seien meist durch Viren ausgelöst, Antibiotika deshalb wirkungslos. Vermehrter Einsatz fördert dagegen Resistenzen.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Fritz Frei (Fritz Frei)
    Etwas wird gerne vergessen: Entwicklungsländer wie Thailand, wo ich seit 13 Jahren lebe, setzen immer die gleichen, kopierten Antibiotika ein. Auch bei der Tiermast. Entwickelt die Pharmaindustrie tatsächlich ein neues, wirksames Antibiotikum, wird dieses rasch weltweit verschindludert - und augenblicklich raub-kopiert. Wo liegt da der Sinn? Jenseits aller finanziellen Aspekte!
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Na Forschung ist sehr teuer, und Forschung an resistenten Bakterie extrem teuer...wenn man etwas findet das wirkt kann man mit den heutigen Gesetzen kaum genug verdienen um die Investitionen zu kompensieren.. wo liegt da der Anreiz.. wobei.. fuer eine Nachhaltige Forschung und Medizin waere es ja ideal.. aber da wollen viele daran verdienen.. Gschpuersch es!???
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