Sammelstiftungen Riskante Jagd nach Versicherten

Im Wettbewerb um neue Kunden buhlen autonome Sammelstiftungen teils mit enorm hohen Versprechungen. Ein Systemrisiko.

Menschenmenge, zum Teil unscharf

Bildlegende: Pensionskassen-Versicherte wechseln vermehrt zu unabhängigen Sammelstiftungen. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Immer mehr Firmen geben ihre betriebseigene Pensionskasse auf: 2005 gab es knapp 1300 Stück davon. Zehn Jahre später war es noch gut die Hälfte.
  • Davon profitieren unter anderem unabhängige Sammelstiftungen. Sie konnten die Zahl der Versicherten seit 2005 verdoppeln, auf mittlerweile 620‘000 Personen.
  • Im Wettbewerb um neue Unternehmen und Versicherte putzen sich Sammelstiftungen heraus.
  • Die Konditionen mancher Sammelstiftungen wirken teils unrealistisch.

Der administrative Aufwand steigt, und das Anlegen ist im Tiefzinsumfeld schwierig geworden: Viele Firmen haben darum in den vergangenen Jahren ihre betriebseigene Pensionskasse aufgegeben.

Davon haben unter anderem so genannte unabhängige Sammelstiftungen profitiert. Von 2005 bis 2015 ist die Bilanzsumme, die im Wesentlichen das verwaltete Vermögen ausmacht, auf 83 Milliarden Franken oder um 260 Prozent gestiegen.

Etwa 100 dieser Vorsorge-Einrichtungen) organisieren mittlerweile für 620‘000 Personen die zweite Säule.

Wachstum mit neuen Kunden

Sammelstiftungen stehen im Wettbewerb. Je grösser sie sind, desto lukrativer wird potenziell das Geschäft. Um neue Unternehmen und Versicherte zu gewinnen, braucht es attraktive Konditionen.

Roger Tischhauser leitet die BVG- und Stiftungsaufsicht des Kantons Zürich, die 40 Prozent aller Schweizer Vorsorge-Einrichtungen kontrolliert. Er kennt den Markt: «Sammelstiftungen wollen attraktiv sein für Neuanschlüsse, wollen innovative Lösungen anbieten. Und die Umwandlungssätze, die technischen Zinsen, auch finanzielle Sicherheiten sind wichtige Faktoren in diesem Wettbewerb», sagt Tischhauser.

Profond sticht heraus

Viele Sammelstiftungen präsentieren ihr Angebot mit sehr guten technischen Zins- und Umwandlungssätzen. Etwa jene von Phoenix, Coopera und Abendrot. Dies besagt eine Umfrage 2015 von «pensionskassenvergleich.ch». Eine Sammelstiftung aber sticht mit ihren Angeboten besonders heraus: Profond.

Seit 2005 hat die Vorsorge-Einrichtung die Anzahl der angeschlossenen Unternehmen auf über 1700 Betriebe fast verdreifacht. Sie versichert inzwischen rund 40‘000 Personen und hat das Vermögen auf rund 6 Milliarden Franken gesteigert – vier Mal mehr als noch 2005.

Profond bietet einen Umwandlungssatz von 6,9 Prozent an – auch im Überobligatorium

Beim so genannten technischen Zins kalkuliert Profond mit hohen 3,5 Prozent. Der technische Zinssatz dient als Annahme, wie hoch das für die lebenslangen Rentenzahlungen zurückgestellte Kapital verzinst werden kann. Diese Annahme hängt von der Erwartung der Entwicklung der Finanzmärkte ab.

Zu pessimistische Erwartungen

Olaf Meyer ist Präsident des Profond-Stiftungsrates. Er sagt:«Keiner kennt die Zukunft. Und wir wissen ja alle, dass unsere Renten etwa zu einem Drittel aus den zukünftigen Erträgen bestehen. Und wenn man jetzt von den heutigen niedrigen Zinsen ausgeht, und das ganze Geld zu diesen Zinsen anlegt, dann ist der natürlich wahnsinnig hoch. Wenn Sie sich aber vorstellen, dass die Zinsen auch weiter steigen können, wenn man sich vorstellt, dass man auch anders anlegen kann, dann kommt man auch zu höheren Umwandlungssätzen.»

Doch in der Branche stösst Profond auch auf Skepsis. Hansruedi Scherer ist Pensionskassen-Experte und Partner der Beratungsfirma ppcmetrics.

Einen technischen Zins, wie ihn Profond anbietet, hält er für deutlich zu hoch: «Es gibt keine ökonomische vernünftige Begründung für einen technischen Zinssatz von 3,5 Prozent. Realistischer wäre ein Zinssatz von 0 Prozent.» Auch den Umwandlungssatz von 6.9 Prozent hält Scherrer für deutlich zu hoch.

Bislang scheint die Rechnung von Profond aber aufzugehen. Die Renditen der letzten Jahrzehnte war laut eigenen Angaben höher als der Durchschnitt. Mit ein Grund dafür: Mehr als die Hälfte des Vermögens hat die Sammelstiftung in Aktien investiert. Der Durchschnitt aller Vorsorge-Einrichtungen liegt bei etwa 30 Prozent.

Hansruedi Scherer meint dazu: «In der letzten Konsequenz ist das ein gewisses Systemrisiko, das entstehen kann. Diese Kassen geben Versprechungen, die sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht einhalten können. Und im allerschlimmsten Fall landen diese Fälle beim Sicherheitsfonds, und wir alle helfen mit, diese zu finanzieren.

Langer Zeithorizont

Profond-Stiftungsratspräsident Olaf Meyer kontert: «Das Schöne bei einer Pensionskasse ist eigentlich, dass sie nicht auf ein Jahr schielen muss, sondern, dass sie einen langen Zeithorizont hat. Und wenn man den langen Zeithorizont bei der Profond anschaut, mit einer Rendite von deutlich über fünf Prozent, mit vielen Aktien, auch mit Rauf und Runter, dann zeigte sich aber, dass es für unsere Versicherten sehr rentabel war, weil sie eine viel höhere Rente erhalten haben, als anderswo, und dass sie diese Schwankungen eigentlich gar nicht so in ihren Leistungen spüren, sondern die halten wir als Pensionskasse aus.»

In der schweizerischen KMU-Landschaft haben autonome Sammelstiftungen innerhalb der beruflichen Vorsorge ihre Berechtigung. Bei allzu aggressivem Auftreten drohen aber Probleme.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Sammelstiftungen: Gute Konditionen, grosse Risiken

    Aus ECO vom 6.3.2017

    Unternehmen entscheiden sich zunehmend dafür, keine eigenen Pensionskassen mehr zu führen, sondern sich sogenannten Sammelstiftungen anzuschliessen. Etliche dieser Sammelstiftungen bieten überdurchschnittlich gute Konditionen. Dies auch infolge des intensiven Wettbewerbs. Doch dies ist nicht ohne Risiko.

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