Kleider der Zukunft Roboter schneidern nach Mass

Dank Massenproduktion in Billiglohnländern sind Kleider so billig wie noch nie. In Zukunft sollen Textilien mit digitaler Technologie auf individuelle Bedürfnisse massgeschneidert werden. Das könnte den Textilmarkt radikal verändern – mit drastischen Konsequenzen für die ärmsten Länder.

Männliche Models in Jeans mit naktem Oberkörper.

Bildlegende: Jeans: In Zukunft massgeschneidert. Reuters

  • Hersteller bieten heute über das Internet massgeschneiderte Jeans an. Die haben allerdings ihren Preis, weil sie von Hand zusammengenäht werden.
  • Roboter sind dazu nicht in der Lage. Doch in 10 bis 15 Jahren können Maschinen komplexe Textilien nähen.
  • Der reiche Westen profitiert. Die Länder der dritten Welt verlieren hingegen die Möglichkeit zu industrialisieren.

Stundenlang nach einer passenden Jeans suchen, das muss nicht sein, sagten sich die Köpfe hinter dem Startup-Unternehmen «Selfnation». Ihre Geschäftsidee: massgeschneiderte Hosen übers Internet anbieten.

Digitaler Zuschnitt, manuelle Fertigung

Die jungen Hochschulabgänger entwickelten in den letzten vier Jahren eine Software, die das Schnittmuster für eine perfekt sitzende Hose berechnet. Die Kunden können übers Internet Schnitt, Stoff und Farbe auswählen, bevor sie dann ihre Körpermasse eintippen.

Eine eigens entwickelte Software berechnet nun das individuelle Schnittmuster; eine Maschine schneidet dann in wenigen Sekunden den Stoff zu. Doch jetzt ist Schluss mit Automatisierung. Wenn es ums Nähen geht, sind die Maschinen überfordert.

Profis im Tessin oder in Deutschland nähen die einzelnen Stoffteile zu einer fertigen Hose zusammen. Kosten: Rund 200 Franken.

Vorteil massgeschneidert

Massgeschneiderte Kleidung hat viele Vorteile – nicht nur für Kunden. Heute bestellt ein Geschäft die Kleider viele Monate im Voraus. Der Händler geht dabei ein grosses Risiko ein. Schätzt er das Kundenbedürfnis falsch ein, so bleibt er auf der Ware sitzen und muss diese in einem Sonderverkauf abstossen.

«  Wir verkaufen jedes Kleidungsstück. »

Michael Berli
Mitbegründer «Selfnation»

Dieses Problem kennt «Selfnation» nicht: «Wir verkaufen jedes Kleidungsstück», sagt Michael Berli, Mitbegründer und heute verantwortlich für die Technik.

Er ist überzeugt, dass in Zukunft viele Kleidungsstücke auf Mass geschneidert werden, Hosen oder Hemden etwa. Da komme es drauf an, ob sie genau sitzen. Bei T-Shirts sei das weniger wichtig. So könnten in Zukunft die Standart-Grössen bei Jeans durch individuelle zugeschnittene Kleidungsstücke ersetzt werden.

Robotern das Nähen beibringen

Damit Kleider nach Mass zum Massengeschäft werden, braucht es Roboter zum Nähen. Doch die sind überfordert, weil sie mit dem weichen Stoff schlecht zurechtkommen.

Collage: Junger Asiate an einer Nähmaschine; daneben Nahaufnahme eines Nährorboters.

Bildlegende: Von der Handarbeit zum Roboter: Noch können Maschinen keine ganze Hose zusammennähen. Softwear Automation forscht an solchen Robotern (rechts). Collage SRF / Reuters

Doch das kann sich bald ändern. Die US-Firma «Softwear Automation» hat einen Roboter entwickelt, der dem Menschen beim Nähen Konkurrenz macht. Dank schnellen Kameras weiss die Maschine bis auf einen halben Millimeter genau, wo sich die Nadel befindet. So kann der Roboter blitzschnell den Stoff wieder zurechtrücken.

Die Technologie steht erst am Anfang und funktioniert bei einfachen Textilien wie Badetüchern. Laut Experten sollen Roboter in zehn bis 15 Jahren auch Komplexe Kleidungsstücke nähen können.

Vorzeitige Deindustrialisierung

Das wird für Länder wie Pakistan, wo 20 Prozent des Exportes auf Textilien entfallen, zum Problem. Denn trotz schlechter Arbeitsbedingungen sind Textil-Fabriken in Entwicklungsländern die einzige Möglichkeit für Leute vom Land, wenigstens etwas Geld zu verdienen. Seit der industriellen Revolution sind Textilfabriken der erste Schritt zur Industrialisierung – und damit zu besser bezahlter Arbeit. Mit der Automatisierung im Westen verlieren die Länder der dritten Welt die Chance zur Industrialisierung.

Denn sobald die Roboter nähen können, wandern die Fabriken zurück in den Westen – dorthin, wo die Kleider entworfen und verkauft werden. Die Hersteller sparen so Lager- und Transportkosten. Und weil sie in kleinen Stückzahlen produzieren können merken sie rechtzeitig, ob ein Produkt im Markt ankommt. Am Ende soll dann nur noch produziert werden, was die Kunden auch kaufen. Restposten für Schnäppchenjäger wären dann ein Relikt der Vergangenheit.

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Mode aus dem 3D-Drucker

1:40 min, vom 23.3.2017

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