Rückgang der Freiwilligenarbeit reisst bedrohliche Lücken

Freiwilligenarbeit nimmt ab. Dabei braucht die Gesellschaft mehr davon. Denn: Sie wird immer älter. Dies erhöht und verteuert den Betreuungsbedarf. Um dem zu begegnen, muss das freiwillige Helfen wieder attraktiver werden – dank neuer Anreize. Gemeinnützige Organisationen sind gefordert.

Frau führt ältere Dame mit Stock an der Hand.

Bildlegende: Der Betreuungsbedarf von älteren Menschen nimmt in der Schweiz zu – und damit der Bedarf an freiwilligen Helfern. Colourbox

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird der Bedarf an Altersbetreuung steigen. Das ist mit hohen Kosten verbunden – die sich die Gesellschaft kaum leisten kann. Eine Entlastung bringen freiwillige Helfer. Sie können zwar professionelle Pflege nicht ersetzen, aber einfache Betreuungsaufgaben übernehmen. Nur: Die Freiwilligenarbeit nimmt in der Schweiz ab, zwischen 2000 und 2010 um 15 % auf 640 Millionen Stunden.

Davon ist der soziale Bereich besonders tangiert. Hier ist freiwilliges Engagement gefordert, das sich nicht auf eine einmalige oder zeitlich klar eingrenzbare Hilfeleistung beschränkt wie etwa an einem Sport-Anlass. Vielmehr soll es in einem bestimmten Rhythmus stattfinden, kann mit Mühsal verbunden sein und spielt sich erst noch fernab der Öffentlichkeit ab. Für solche Aufgaben Freiwillige zu finden, fällt nicht leicht.

Für Carlo Knöpfel von der Hochschule Nordwestschweiz ist deshalb klar: «Wir werden immer grössere Lücken haben zwischen Angebot und Nachfrage.» Der Professor plädiert dafür, eine neue Helfergruppe anzusprechen – Männer. Diese engagieren sich in der Regel zwar gerne im Sportverein, seltener aber im Sozialwesen.

Junge gegen Mitgliederschwund

Kürzlich hat das Schweizerische Rote Kreuz eine Veranstaltung durchgeführt, die sich dem Rückgang der Freiwilligenarbeit annahm. Eine Mitglieder-Organisation des Hilfswerks ist davon besonders betroffen, der Schweizerische Samariterbund.

Er versucht nun verstärkt, neue Gruppen für sich zu gewinnen: Kinder und Jugendliche. Der Mitgliederbestand der traditionsreichen Institution schwindet. In den letzten 25 Jahren hat er sich halbiert, auf rund 27‘000 Personen. Laut Beat Marti vom Samariterverein im bernischen Aarwangen muss der Bund verjüngt werden.

Solidarität stärken

Derweil sind die Mitglieder von Pro Senectute meist pensioniert. Als Teil einer Dienstleistungsorganisation für ältere Menschen ist ihnen bewusst, dass die Betreuung von betagten Mitbürgern einem wachsenden Bedürfnis entspricht. Daher fällt es Pro Senectute im Vergleich zu anderen karitativen Organisationen weniger schwer, Freiwillige zu finden.

Tendenziell nimmt ihr Mitgliederbestand in den einzelnen Kantonen gar zu – doch mit ihm auch der Rekrutierungsaufwand. Franjo Ambrož von Pro Senectute Kanton Zürich warnt deshalb: Man werde den Sozialgedanken und die Solidarität in der Gesellschaft weiterentwickeln müssen, um die demografischen Herausforderungen zu meistern.

Alternative Modelle

Neue Anreize rücken in den Fokus, etwa Steuererleichterungen für freiwillige Helfer oder ein alternatives Vorsorgemodell, das mit Zeitgutschriften operiert. Dessen Prinzip: Wer sich eine Stunde freiwillig engagiert, erhält eine Stunde auf ein Konto gutgeschrieben. Das angesammelte Guthaben kann der Helfer im Alter einlösen – für Betreuungsaufgaben zu seinen Gunsten.