SBB macht hohle Hand für lottrige Schiene

Wieder verlangt die SBB Milliarden vom Bund. Ihr Hauptargument: Auf dem Schienennetz bestehe massiver Nachholbedarf im Unterhalt. Wie es so weit kommen konnte, scheinen die Verantwortlichen vergessen zu haben.

Gleisbau

Bildlegende: Für den Zeitraum 2017 bis 2020 hätte die SBB gerne 8,7 Milliarden Franken vom Bund gehabt. Reuters

Betrachtet man die SBB nach ihrem betriebswirtschaftlichen Erfolg, muss man sie als Immobiliengesellschaft mit Gleisanschluss qualifizieren. Die jüngsten Halbjahreszahlen zeigen: Das Geld verdient die SBB vor allem mit Verkauf und Vermietung von Immobilien.

Hingegen tief in den roten Zahlen, mit minus 58 Millionen Franken, steckt die Abteilung Infrastruktur. Der Verlust sei grösstenteils darauf zurückzuführen, dass mehr Geld für den Unterhalt der Infrastruktur eingesetzt worden sei, sagt die SBB. Mehr Geld als der Bund, sprich Steuerzahler, dafür gesprochen hatte. 6,6 Milliarden Franken waren es für die Jahre 2013 bis 2016.

Lieber in Reisen und Rollmaterial investiert

Seit Jahren argumentiert die SBB mit steigendem Nachholbedarf auf dem Schienennetz. Mittlerweile soll dieser 2,5 Milliarden jährlich betragen, Tendenz steigend. Ihr Schienennetz sei das am stärksten belastete der Welt.

Dabei führen langjährige Beobachter den Nachholbedarf auf die Bahn selber zurück. Walter von Andrian, Verleger und Chefredaktor der Schweizer Eisenbahn-Revue: «Im Unterhalt des Gleises hat die SBB in den letzten 15 Jahren riesige Fehler gemacht. Nach der Jahrtausendwende hat sie den planmässigen Unterhalt des Gleises um mehr als 50 Prozent zurückgefahren.» Der Grund: Die Bahn investierte lieber in attraktive Reiseangebote und Rollmaterial als in den Gleisunterhalt. Die Folge: Heute müsse die Bahn immer häufiger Reparaturen auf kurzen Schienenabschnitten leisten: «Dadurch ist die Unterhaltsarbeit immer unwirtschaftlicher», sagt Walter von Andrian.

«Bei der Infrastruktur ist es immer schwierig abzuschätzen, wann wie viel gemacht werden muss», sagt SBB-Konzernchef Andreas Meyer im «ECO»-Studio. Gleichzeitig sei aber selbstredend, dass der Unterhalt teurer würde. «Wir haben in den nächsten Jahren in dieser Leistungsvereinbarung 9 Prozent mehr Brutto-Tonnen-Kilometer, 4 Prozent mehr Verkehrsleistung, 54 Prozent mehr Tunnel-Kilometer.»

Und so verlangt die Bahn vom Bund noch mehr Mittel als früher: Für den Zeitraum 2017 bis 2020 8,7 Milliarden Franken. Das Bundesamt für Verkehr hat die Summe mittlerweile auf 7,6 Milliarden gedrückt. Das letzte Wort fällt das neue Parlament, das nach den Wahlen darüber befindet. Mit heftigen Debatten ist zu rechnen.

«  SBB hat Problem bei Kosten und Unterhalt »

Peter Füglistaler
Chef BAV

Peter Füglistaler, Chef des Bundesamtes für Verkehr (BAV), anerkennt zwar Handlungsbedarf. Gleichzeitig kritisierte er bereits im Mai: «Die SBB hat ein Problem bei den Kosten und im Unterhalt.» Ein Beispiel: Der Meterpreis für die Gleiserneuerung, den sogenannten Oberbau, stieg von 2011 bis 2014 um 20 Prozent. Dies bei einer Teuerungsrate, die gegen Null tendiert. Gleichzeitig hat die SBB 2014 laut BAV-Chef Füglistaler 12 Kilometer weniger Geleise renoviert als im Vorjahr.

Andreas Meyer nennt die Analyse «ein bisschen grobschlächtig». Er betont stattdessen, mehr Mittel gäben der SBB die Möglichkeit, längere Sperrpausen zu machen, um Arbeiten vorzunehmen, «und wir können endlich den präventiven Unterhalt machen, der von unseren Mitarbeitern auch schon seit Langem gefordert wird.»

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Zu teuer? Zu ineffizient? Andreas Meyer im Interview

4:09 min, aus ECO vom 28.9.2015

Nicht aufgehende Rechnung

Ein weiterer Fall: Die Verkehrssteuerung der Bahn sollte produktiver werden. Also baute die SBB vier neue Betriebszentralen samt Automatisierung der Stellwerkanlagen für 325 Millionen Franken. Doch die hohen Kosten für die Informatik machen die Produktivitätssteigerung zunichte. So nachzulesen im Jahresbericht 2014 zur SBB Infrastruktur.

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