Zum Inhalt springen

Schnelles Geld für Firmen Schweizer Unternehmen zieht es an die Börse

Mitte 2018 sind bereits sieben Unternehmen neu an der Schweizer Börse – mehr als im vergangenen Jahr zusammen.

Legende: Audio Boom der Debüts an der Schweizer Börse abspielen. Laufzeit 04:00 Minuten.
04:00 min, aus Echo der Zeit vom 25.06.2018.

Schon wieder ein Debüt: Das Luxusgüter-Unternehmen Lalique Group AG (Parfüms, Kosmetika, Kristall, Schmuck) mit Sitz in Zürich hat den Gang an die Schweizer Börse gewagt. Damit sind es Mitte Jahr bereits sieben Börsenneulinge – mehr als im ganzen vergangenen Jahr zusammen.

Neben Lalique sind es Klingelnberg, Polyphor, Ceva Logistics, Medartis, Sensirion und A Small World, die neu auf dem Schweizer Börsen-Tableau stehen.

Die Börsenbetreiberin SIX freut sich über die vielen Neuzugänge. «Wir sehen im Moment, dass das Umfeld sehr gut ist», sagt SIX-Mediensprecher Julian Chan: «Die Unsicherheit ist tief, Für die Unternehmen ergibt sich eine gute Planbarkeit, das heisst, die Zeit ist geeignet, um einen Börsengang durchzuführen.»

Tatsächlich sind in den vergangenen Monaten schwere Einbrüche am Aktienmarkt ausgeblieben. Auch wenn die Kurse nicht mehr so kräftig steigen wie letztes Jahr.

Bei Investoren sitzt das Geld locker

Günstig ist das Umfeld für Börsengänge vor allem, weil bei den Investoren das Geld locker sitzt: Denn in Anbetracht der rekordtiefen Zinsen etwa auf Staatsanleihen erscheinen Aktien als Anlage attraktiv.

Und häufig, wenn ein Unternehmen an den Aktienmarkt strebt, sind die Papiere begehrt, sagt Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank: «Es ist schon so, dass die Unternehmen momentan relativ einfach zu ihrem Geld kommen.»

Überzeugt das Geschäftsmodell?

Doch nicht immer führt das Börsen-Debüt sofort zum Erfolg. So hatten beispielsweise die Aktien des Maschinenbauers Klingelnberg letzte Woche einen holprigen Start. Im Vergleich zum Ausgabekurs haben sie leicht an Wert verloren in den ersten vier Handelstagen.

Anlagechef Stucki erklärt: Bei Klingelnberg hätten vor allem bestehende Aktionäre über die Börse Anteile an der Firma verkauft. «Das ist ein klassischer Fall, bei dem vor allem Altaktionäre Aktien verkauft haben und so dem Unternehmen weniger Gelder zugefügt wurden. Das kommt später bei den Anlegern dann eben doch nicht so gut an.»

Zudem sei die Qualität des Unternehmens nicht immer über jeden Zweifel erhaben bei einem sogenannten Initial Public Offering, kurz IPO genannt, sagt Stucki: «Es gibt Unternehmen, die sehr gut sind. Das zeigt sich dann auch später, wenn der Kurs über dem IPO liegt. Und es gibt Unternehmen, die beim genaueren Hinsehen nicht mehr so ganz überzeugen. Dort fällt der Kurs nach dem IPO relativ schnell unter den Ausgabepreis.»

Und selbstverständlich sollten die Anleger, bevor sie sich engagieren, genau hinschauen, ob ein Börsen-Debütant mit seinem Geschäftsmodell wirklich überzeugt.

Achtung vor dem Ende der Hausse

Aber mindestens so wichtig wie die Qualität der Börsenneulinge ist die Entwicklung des gesamten Aktienmarkts: Denn je länger es aufwärts geht mit den Aktienkursen, die Hausse also anhält, desto höher seien die Risiken, warnt Thomas Stucki: «Wenn sich IPOs häufen, wie das momentan der Fall ist, dann ist das ein Zeichen, dass die Börsen-Hausse so langsam in ihr Alter kommt.»

Genau dies sei nun der Fall. Letztlich hänge die Börse eben von der Entwicklung der globalen Wirtschaft ab. «Man weiss in den USA, dass die sich Wirtschaft irgendwann wieder abschwächen wird, und dann ist auch die Party an der Börse vorbei und es wird schwierig für Firmen, wieder an die Börse zu kommen.»

Zeitfenster geht schon langsam wieder zu

Die Schweiz als kleine Volkswirtschaft, die besonders stark vom Export lebt, kann sich diesem Einfluss nicht entziehen. Kühlt sich in nicht allzu ferner Zukunft die Weltkonjunktur ab, dann schlägt das unweigerlich auf die Schweizer Börse durch: «Von daher müssen sich die Firmen beeilen, wenn sie noch an die Börse kommen wollen», sagt Anlagechef Thomas Stucki von der St. Galler Kantonalbank.

Für die Anleger auf der anderen Seite heisst das: Aufgepasst! Nach der Party mit den vielen Börsen-Neulingen besteht zumindest das Risiko, mit einem Börsenkater zu erwachen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Jürg Häusermann (Ebenda)
    Tja, wenn viele Firmen an die Börse treiben, insbesondere, wenn Altaktionäre Kasse machen möchten, sind Eigenkapitalinstrumente wohl zu teuer geworden. Die Moral der Geschichte, wenn staatliche Institutionen (Nationalbank) sich in den Wirtschaftskreilauf einmischen, kommt es unweigerlich zu Fehlallokationen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rolf Bolliger (rolf.bolliger@quickline.ch)
    An der Börse schnelles Geld verdienen, gehört eigentlich nicht zur schweizerischen Erfolgsgeschichte! Den Wirtschaftsaufschwung nach den 30iger Krisenjahren haben verantwortungsvolle Unternehmer (oft Familien) gefördert! Sie verdienten Geld und investierten davon immer wieder in den Ausbau und neue Arbeitsplätze! Heute soll also der Gang an die Börse alles noch attraktiver und schneller gehen! Nicht der "Kapitalismus" ist schlecht oder falsch, "antigone kunz", sondern geldgierige Menschen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Herr Bolliger Wirtschaft mit moralischen Konzeptenund Moral sind Kategorien, die nicht zusammen gehören. Einige Schweizer Firmen haben es mit Ausdauer und Klugheit zu etwas Solidem gebracht. Der aktuelle Finanzkapitalismus, der unübersehbare Vielfalt an Derivaten und Finanzprodukten wuchern lässt, begünstigt das Raubrittertum strukturell. Ein System, das anthropologische Konstanten, Eigenschaften des Homo oeconomicus nicht Rechnung trägt, ist dumm und gefährlich und hat sich überlebt.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      corrigenda: Herr Bolliger Wirtschaft und Moral sind Kategorien, die nicht zusammen gehören. .....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Jürg Häusermann (Ebenda)
      Der Homo oeconomicus ist Realität und seine Moral durch seine Existenz grundsätzlich gerechtfertigt. Die Unmoral kommt aus seiner Rücksichtslosigkeit. Die Aufgabe der Gesellschaft ist es, die Rücksichtslosigkeit zu Lasten der Allgemeinheit einzudämmen, ohne die Existenz des h.oec. in Frage zu stellen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      'Die Unmoral kommt aus seiner Rücksichtslosigkeit' und die Rücksichtslosgikeit kommt aus? Angesichts, das sich Manche zunehmend als monadische und autark sich meinenende Artgenossen halten, ist der Mensch, auch der Homo oeconomicus, ein Beziehungswesen. Eingebettet in einer Praxis des Alltags, die wiederum eine Summe aus Vielem ist. Alles ist offen, auch wenn es das Kernstück des ultralitberinären Evangeliums ist, es gibt keine Alternative .....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Die Hektik und Beschleunigung in diesem ganzen Aktienzirkus soll daüber hinwegtäuschen, dass die "kapitalistische Akkumulation im produktiven Kapitalismus nicht mehr genügend Mehrwert abschöpfen kann, jedenfalls keine Profitraten erbringt, die die Erwartungen des Ka- pitals bedienen." Es ist schon fast als Wahn zu bezeichnen zu Glauben, dass, wenn sich nur alles genügend rasend schnell dreht und ohne Zutun konkreter Arbeit, irgdenein Mehrwert geschaffen werden kann.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen