Zum Inhalt springen

Wirtschaft Schweizer Pouletproduktion hinkt Nachfrage hinterher

Poulet ist im Trend. Pro Kopf essen die Schweizerinnen und Schweizer jedes Jahr fast 12 Kilo Pouletfleisch. Und der Konsum steigt weiter. Die einheimische Landwirtschaft kann die Nachfrage aber nicht decken. Die Hälfte des Pouletfleisches kommt aus dem Ausland. Migros und Coop geben Gegensteuer.

«Geflügelmäster gesucht» – in der landwirtschaftlichen Fachpresse der Schweiz erscheinen regelmässig solche Inserate und Aufrufe. Geschaltet und platziert werden sie von Migros und Coop, beziehungsweise von deren Fleischverarbeitern Micarna und Bell.

Die Grossverteiler reagieren damit auf die unbefriedigende Situation auf dem Markt für Poulets. Die inländische Produktion deckt nämlich nur die Hälfte der Nachfrage ab. Der Rest des Fleisches wird importiert.

Der Poulet-Markt unterscheidet sich damit wesentlich vom restlichen Markt für Fleisch in der Schweiz. Schweinefleisch stammt zu 100 Prozent aus der Schweiz. Und auch beim Rindfleisch deckt die einheimische Landwirtschaft den Bedarf vollständig.

Zu wenig Poulet-Fleisch – die Gründe:

  • Kuhställe können nicht für die Geflügelmast umgebaut werden.
  • Hohe Investitionen: Kosten für Stall circa 1 Million Franken
  • Langwierige Verfahren für Baubewilligung
  • Häufig Einsprachen gegen Projekte – Angst vor Gestank

Grossverteiler im Rücken

Bauer Alfred Ruf mästet seit Juni 2011 in Wittwil (AG) Poulets für die Coop-Tochter Bell. Er arbeitet nach den Richtlinien der «Besonders tierfreundlichen Stallhaltung» (BTS). Vom Entschluss, in die Pouletmast einzusteigen bis zur Aufzucht der ersten Küken dauerte es zweieinhalb Jahre.

Finanzierung, Bewilligung und Bau brauchten viel Zeit. Doch für Alfred Ruf hat sich der Aufwand gelohnt. Er hat jetzt ein sicheres Einkommen. «Ich bin zwar abhängig von Bell, aber Bell ist auch abhängig von mir. Für mich stimmt das so», sagt er in der Sendung «Trend» von Radio SRF.

Sein Poulet-Stall liegt etwas ausserhalb des Dorfes inmitten von Grasland und Gemüsefeldern. Der Stall ist 1100 Quadratmeter gross, es ist die maximale Grösse für einen Pouletstall in der Schweiz.

180'000 Poulets pro Jahr

Ein Produktionszyklus beginnt mit der Anlieferung von 23'000 Küken. Die ersten 20 Tage dürfen sie nicht ins Freie, danach haben sie etwas Auslauf. Sie fressen eine Mischung aus Soja, Weizen, Mais und Reis.

Nach vier Wochen werden 6000 Hühner abgeholt und geschlachtet. Sie landen als Grill-Poulets in den Verkaufsregalen. Die restlichen 17'000 Tiere bleiben noch eine Woche im Stall. Dann sind sie circa. 1,8 Kilo schwer und werden geschlachtet.

Bauer Alfred Ruf hat dann zwei Tage Zeit, um den Stall zu reinigen. Vor allem muss er den Mist entsorgen. 40 Kubikmeter sind es, wertvoller Dünger, den er zur Hälfte auf dem eigenen Hof ausbringt; die andere Hälfte verkauft er.

Dann kommt eine neue Lieferung und der nächste Zyklus, in der Fachsprache «Umtrieb» genannt, beginnt. Acht Umtriebe hat Bauer Ruf pro Jahr, er produziert rund 180'000 Poulets. 70 Prozent seines Einkommens erwirtschaftet er mit den Poulets.

Limiten der Bio-Produktion

Wesentlich kleiner ist die Poulet-Produktion von Andreas Jakob. Er hat einen Bio-Betrieb in Langnau i. E. Pro Umtrieb hat er 1000 Hühner. Sie leben in zwei Herden. Jede hat einen eigenen Stall (47 Quadratmeter) und eine Weide von 1000 Quadratmetern. Pro Jahr liefert Andreas Jakob 4500 Bio-Poulets an die Migros.

Es ist ein gutes Geschäft. Die Migros garantiert ihm die Abnahme seiner Tiere. Und sollte einmal ein Umtrieb ausfallen, weil die Migros schon genug Bio-Poulets hat, erhält Jakob ein Ausfall-Honorar.

Obwohl sich die Produktion von Bio-Poulets lohnt, lässt sie sich nicht beliebig steigern. Pro Hof dürfen nach den Bio-Richtlinien maximal 2000 Mast-Hühner leben. Und die Migros kann ihre Bio-Lieferanten nicht überall in der Schweiz suchen. Die Produktion beschränkt sich auf einen Umkreis von 120 Kilometern um Courtepin (FR). Dort steht der Schlachthof der Migros. Und die Transportwege vom Produzenten zur Schlachtung dürfen nicht zu lang sein.

Poulet-Mast: Zahlen und Fakten

  • Poulet Konsum CH: Pro Kopf ca. 12 kg im Jahr
  • Einheimische Produktion: ca. 50 %
  • Import: ca. 50 % (v. a. aus F, D, Brasilien, Osteuropa)
  • Poulet-Produktion CH: 80 % BTS (konventionell), ca. 17 % Freiland, ca. 3 % biologisch
  • Konventionell: Max. 18'000 schlachtreife Tiere pro Betrieb
  • Biologisch: Maximal 500 Tiere pro Herde, 2000 Tiere pro Betrieb

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

10 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Wolfgang Blum, Basel
    Wenn ich die Überschrift lese wird mir schlecht. Sinnlose und massenhafte Tierschlachtung als "Produktion" zu betiteln gibt arg zu denken. Dieser übertriebene Fleischkonsum in Industrieländern hat nicht mehr viel mit Ernährung zu tun sondern mit Lust. Es interessiert den Konsumenten nicht, dass Millionen Tiere jeden Tag sterben müssen nur weil er Lust darauf hat. Die Nutztiere verursachen 18% der Treibhausgase und verschärft die weltweite Hungerkrise weil 40% der Getreideernte als Futter dienen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Mario Rau, Affoltern
    Ist halt das günstigste Fleisch im Supermarkt. Tiergerechtere (und aufwändigere) Produktion und steigende Poulet-Preise - und auch die Schwiende finden wieder Ab(resp. Zu-)nehmer. Dazu sind verbindliche gesetzliche Regelungen, der Verzicht der Grossverteiler auf den Import zweifelhafter Günstigprodukte oder aber der Verzicht des Endkonsumenten nötig. "Biohühner in Deutschland" von Animal Rights Watch auf youtube (der Ausschnitt wurde kürzlich auch im Rahmen einer Doku im srf ausgestrahlt)
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von M. Roe, Gwatt
      Es soll nicht einer geldgierigen Pouletproduktion nachgeeifert werden.Wir brauchen für uns Schweizer nicht mehr Poulets als heute produziert werden. Mehr wollen nur die vielen Ausländer, welche unsere ganze Lebensmittelproduktion über den Haufen werfen. Auch deshalb müssen endlich alle einsehen, dass "weniger mehr ist". Die Ecopop-Initiative werden wir annehmen; Schweizer sagen ja zur Ecopop! Ich stelle immer mehr fest, dass die meisten jungen Leute das Problem erkannt haben + für Ecopop sind.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Charles Halbeisen, Bronschhofen
    @SRF: Zeigt doch einmal einen Film einer modernen Hühner-Schlachtanlage. Danach hat es dann wieder genug Poulets auf dem Markt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Thomas Käppeli, Guatemala Ciudad
      Da haben Sie Recht Herr Ch. Halbeisen. Trifft aber auf alle industrielle Massentierschlachtung zu. Wenn auch die automatisierte für Hühner, alles in den Schatten stellt. Auf dem Lande aufgewachsen, habe ich auch bäuerliche Nutztierschlachtungen auf dem Hof erlebt. Von Huhn bis Kuh. Aber massenhaft, stellt es einem schon ab. Fleisch essen ist lecker aber Gewissensfrage. Deshalb mache ich mich nie über Veganer lustig, weil ich ihre Beweggründe sehr gut nachvollziehen kann und hoch respektiere.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen