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Wirtschaft Schweizer unbeeindruckt von Deflationsgespenst

Eine stagnierende Wirtschaft und sinkende Preise: Laut Lehrbuch ist das schlecht für die Volkswirtschaft. Doch das gilt nicht für die Schweiz. Sie profitiert sogar von der aktuellen Deflation.

Eine Person mit Einkaufstaschen überquert einen Fussgängerstreifen.
Legende: Trotz deflationärer Tendenzen: Die Schweizer konsumieren. Keystone/Archiv

Daniel Kalt ist Chefökonom der UBS. Er kann sich kaum an eine Zeit erinnern, in der Schweizer und Schweizerinnen im Laden mehr für ihren hart verdienten Franken bekommen haben als heute. In den letzten Jahren habe der nominale Lohnzuwachs im Schnitt etwa ein Prozent betragen. «Wenn dann gleichzeitig die Preise um ein Prozent sinken, wie das im Moment der Fall ist, dann bedeutet das zwei Prozent reale Kaufkraftzuwächse.» Das stütze den privaten Konsum.

Die Menschen in der Schweiz geben weiter Geld aus.
Autor: Daniel KaltUBS-Chefökonom

Zwar steigt die Arbeitslosigkeit leicht. Und der Verlust des Arbeitsplatzes steht im Sorgenbarometer der Schweizer ganz oben. Dennoch verhalten sie sich derzeit nicht so, als würde ihnen die Situation wirklich Angst machen.

Langfristige Investitionen

Genau das ist für die Binnenwirtschaft derzeit ein Segen. Die Schweizer nutzen die tieferen Preise auch, um langfristige Investitionen zu tätigen. Sie kaufen zum Beispiel Möbel, Heim-Elektronik oder Autos. So unterstützen sie heimische Händler und auch Arbeitsplätze.

Ebenfalls geholfen hat die Zuwanderung. Die Zahl der Konsumenten ist in den letzten Jahren insgesamt stark angewachsen. Dies alles hilft mit, der Schweiz trotz schwierigem Umfeld ein kleines Wirtschaftswachstum zu beschweren.

Würden die Schweizer ihre Einkäufe nicht so oft im grenznahen Ausland tätigen, wäre die Situation in der Schweiz sogar noch besser, sagt der Leiter der Konjunkturforschungsstelle KOF, Jan-Egbert Sturm. «Ein Teil von diesem Kaufkrafteffekt verpufft im Ausland.» Die Schweizer Wirtschaft leide unter diesem Preisdruck, sie sehe ihre Marge in Gefahr.

Bedrohung durch neue Krise im Ausland

Problematisch würden sinkende Preise für die Schweizer Wirtschaft nur dann, wenn die Wirtschaftslage plötzlich massiv schlechter würde: Eine neuerliche Krise in den USA oder in Deutschland mit grossen Auswirkungen auf den Schweizer Franken und desaströsen Folgen für die Exportwirtschaft.

Wenn die Wirtschaft in eine Rezession fällt, kann die Deflation gefährlich werden.
Autor: Daniel KaltUBS-Chefökonom

«Gefährlich kann eine Deflation dann werden, wenn die Wirtschaft wirklich in eine tiefe Krise, in eine Rezession fällt», sagt UBS-Chefökonom Kalt. «Dann kann sich eine Zukunftsangst breit machen.»

Dann würden die Schweizer möglicherweise ihr Geld in den Tresor legen, in der Hoffnung, dass die Preise in Zukunft weiter sinken. In der Folge würde den Firmen das Geld für neue Investitionen fehlen, der Teufelskreis wäre in Gang gesetzt.

Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Die Menschen scheinen Vertrauen in die Zukunft der Schweizer Wirtschaft zu haben und kaufen weiter ein. Wohl nicht zu Unrecht: Denn sowohl das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) als auch die KOF prognostizieren für 2016 und 2017 sogar eine leichte Erholung der Konjunktur.

1 Kommentar

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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Wir sind eben keine Gesellschaft mehr, sondern ein "Markt" - die Menschen werden vom Markt als "Konsumenten" (CH) oder als "Verbraucher" wahrgenommen. Folge: wer wenig konsumiert, weil er beispielsweise auch für folgende Generationen Ressourcen erhalten möchte, ist ein "schlechter Mensch". Andererseits ist "Protektionismus" ein Negativum geworden. Wer seine eigenes Land, die Bevölkerung und deren Infrastruktur schützt, ist ein potentieller "Rechtsextremer". Die Umdeutung heisst GLOBALISIERUNG...
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