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Sozial- und Pflegeberufe Kampf den Pseudo-Praktika

Immer mehr werden Praktika zu einem Hemmnis für eine ganze Branche. Kantone und Bund sind gefordert.

Legende: Audio Praktikanten als billige Arbeitskräfte abspielen. Laufzeit 04:25 Minuten.
04:25 min, aus Rendez-vous vom 25.06.2018.

Im Schweizer Gesundheits- und Sozialwesen werden immer öfter Praktikantinnen und Praktikanten eingesetzt. Sie unterstützen das Fachpersonal im Spital, betreuen Kinder in der Kita und vor allem: Sie kosten wenig. Die starke Zunahme dürfte jenen Stimmen Auftrieb geben, die sich für verbindlichere Vorgaben bei den Praktika einsetzen.

Gewerkschaften fordern Regeln

Eine von ihnen ist Gabriel Fischer vom Gewerkschaftsdachverband Travail Suisse. Für ihn ist der Fall klar: Damit es keinen Missbrauch von Praktika gebe, seien griffigere Regelungen nötig. Die Gewerkschaft sei immer wieder mit Klagen über Praktika konfrontiert, bei denen die Praktikanten schlecht betreut und bezahlt seien sowie manchmal auch nichts lernten.

Rita Blättler vom Dachverband der sozialen Berufe SavoirSocial berichtet sogar von prekären Arbeitsverhältnissen. Sie verweist auf den Spardruck. Dieser führe dazu, dass Jugendliche bereits vor Beginn einer Berufsausbildung ein oder gar mehrere Praktika absolvieren müssten.

Weil im sozialen Bereich zu wenig Geld vorhanden sei, würden dort Praktika als Vorbereitung einer Ausbildung quasi zur Voraussetzung gemacht. «Auch wenn das gesetzlich gar nicht vorgesehen ist», so Blättler.

Pflegerinnen.
Legende: In Pflege- und Sozialberufen sind Praktika – und Pseudo-Praktika – verbreitet. Imago

Praktikum ohne Aussicht auf eine Stelle

Die Rede ist hier von sogenannten Pseudo-Praktika: Die Jugendlichen haben im Anschluss an das Praktikum keine direkte Aussicht auf eine Lehrstelle. Und die Betreuung der Praktikanten ist oftmals erst noch mangelhaft.

Eigentlich sind solche Praktika in den Bildungsverordnungen der Kantone nicht vorgesehen. Dennoch sind sie gerade im Betreuungsbereich sehr verbreitet. Das zeigt eine Umfrage, die Savoir Social im vergangenen Jahr durchgeführt hat: 90 Prozent der Lehrlinge im Betreuungsbereich absolvierten vor Beginn der eigentlichen Lehre ein oder gar mehrere Praktika.

Praktika en Vogue

Im vergangenen Jahr haben 20'000 Personen ein Praktikum in der Pflege- oder Sozialbranche absolviert. Das sind gut zwei Drittel mehr als im Jahr 2010, wie aus den Rohdaten der neusten Arbeitskräfteerhebung des Bundes hervorgeht.

Motivierte Einsteiger werden vergällt

Für den Dachverband der sozialen Berufe sei diese Situation stossend, sagt Blättler. «Unter Umständen werden hochmotivierte Einsteiger davon abgehalten, diesen Beruf zu ergreifen.» Denn wer inklusive Praktika vier Jahre in Ausbildung verbringe statt der eigentlich vorgeschriebenen drei Jahre, fragt sich, ob er in vier Jahren nicht eine wertvollere Ausbildung machen könnte. «Das ist ein Problem in einem Bereich, in dem viele Fachkräfte fehlen», so Blättler.

Dieser Problematik sind sich auch die Experten des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung EHB bewusst. Trotzdem könne ein kurzes Praktikum vor der Berufslehre durchaus sinnvoll sein, sagt EHB-Direktorin Cornelia Oertle. «Das verhindert höhere Abbruchquoten während der Lehre – die Jugendlichen wissen so, worauf sie sich einlassen.» Problematisch werde es erst, wenn mehrere Praktika ohne konkrete Aussicht, in eine Berufslehre einsteigen zu können, aneinander gereiht würden.

Der Ball liegt bei den Kantonen – und beim Bund

Um die Qualität der Praktika zu gewährleisten, gibt es in Kindertagesstätten, Altersheimen oder Spitälern zwar Quoten für Praktikanten. Allerdings liegen diese primär in der Verantwortung der Kantone.

Es sei für den Bund deshalb nicht so einfach, einheitliche Regelungen durchzusetzen, sagt Oertle. «Das ist ein höchst politisches Wespennest.» Es gehe dort um die Zuständigkeiten zwischen Bund und Kantonen. Weisungen durch den Bund «würden wohl nicht goutiert», so Oertle.

Deshalb sind in erster Linie die Kantone gefordert. Sie haben denn auch – zusammen mit dem Bund und den Berufsverbänden – im vergangenen Jahr eine Erklärung verabschiedet. Ziel ist es, Pseudo-Praktika ohne direkten Ausbildungsbezug deutlich zu reduzieren. Bindend ist die Erklärung allerdings nicht.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Die Tendenz zu Praktika und zur flächendeckenden Freiwilligenarbeit im Sozial- und Gesundheitswesen nimmt wirklich erschreckende Masse an. Zudem hat man auch in einer Supportfunktion (Buchhaltung, HR, Rezeption) schlichtweg keine Chancen, wenn man keine "Branchenkenntnisse" aufweist. Die ersten "Branchenkenntnisse" kann man vielerorts fast nur als Freiwillige oder Praktikantin erwerben. Das ist alles andere als i.O.
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  • Kommentar von jean-claude albert heusser (jeani)
    Genau und zuviel Reglementierung und Weisungen, welche einen effezienten Arbeitsablauf hemmen! Es lebe die "Theorie" und sterbe die Praxis!
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Sie haben nicht aufgepasst. Es geht ja gerade um Praktikummstellen. Es wird also praktiziert, was man noch gar nicht gelernt hat. Jetzt gegen "Theorie" zu schiessen ist völlig daneben.
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  • Kommentar von samuel rufer (dd)
    Solche Erfahrungen musste meine Frau und ich leider auch schon machen. Nach einem universitären Abschluss im Ausland bot man ihr eine Praktikumsstelle an mit einer Möglichkeit eine Lehre im Anschluss zu absolvieren. Dabei waren die Vorgesetzten jünger und/oder schlechter ausgebildet. Gelernt wurde nichts. Für den Betrieb dienen die Praktikanten als Fronarbeiter. Dieser sogenannte Fachkräftemangel wird durch diese Gewinnmaximierung für die Aktionäre extrem gefördert.
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