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Wirtschaft Steht die Schweiz vor einer Deindustrialisierung?

Fast täglich verkünden Schweizer Unternehmen, wegen des starken Frankens Stellen abzubauen. Jüngstes Beispiel: Die Schleifmittelherstellerin Sia Abrasives strich in Frauenfeld 260 Stellen. Ist die Angst vor einer Deindustrialisierung berechtigt?

Eine Mitarbeiterin von Sia Abrasives klebt die beiden Enden von Schleifpapierstücken zu Rollen zusammen.
Legende: Jüngstes Beispiel für den Stellenabbau in der Industrie ist die Schleifmittelherstellerin Sia Abrasives in Frauenfeld. Keystone

Nein, zu einer Deindustrialisierung komme es nicht. Davon ist Peter Dietrich überzeugt. Der Direktor des Branchenverbands Swissmem glaubt an den Werkplatz Schweiz. Er findet aber auch mahnende Worte: «Alle von den einzelnen Unternehmen bis zur Politik, müssen sich jetzt bis zur Decke strecken, damit die Unternehmen weiterhin gedeihen können.»

Derzeit gedeihen die Schweizer Unternehmen nicht. Wegen des starken Frankens sind viele von ihnen in Europa nicht mehr konkurrenzfähig. Damit sie dennoch Aufträge erhalten, machen sie Zugeständnisse bei den Preisen. «Die Ertragssituation ist bei etlichen Betrieben sehr schwierig. Insofern haben sie auch zu handeln, damit sie ihr mittel- und langfristiges Überleben sichern können», erklärt Dietrich.

Manuelle Arbeit steht unter Druck

«Handeln» heisst Kosten senken. Beispielsweise indem die Angestellten bei gleichem Lohn länger arbeiten müssen, Vorprodukte aus dem günstigeren Ausland importiert werden. Oder indem Teile der Produktion ins Ausland verlagert werden. Das ist für die betroffenen Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, schwierig. Es kann aber helfen, den Industriestandort Schweiz insgesamt zu sichern, wie Swissmem-Direktor Dietrich sagt: «Wir gehen davon aus, dass es einen beschleunigten Strukturwandel nach sich zieht, damit auch in der Schweiz nach wie vor industrielle Tätigkeiten wirtschaftlich betrieben werden können.»

Die Internationalisierung ist für viele Unternehmen eine Notwendigkeit, um überleben zu können. So werden vor allem manuelle Tätigkeiten ins Ausland verlagert, um die Produktion zu verbilligen. Tätigkeiten, die eine höhere Marge bringen, bleiben dagegen in der Schweiz. «Rein manuelle Tätigkeiten ohne eine gewisse Wertschöpfung sind unter Druck – das ist nichts Neues. Der Druck hat zugenommen und das spüren wir.»

Saisonale Gründe für höhere Arbeitslosigkeit

Deshalb dürfte die Arbeitslosigkeit vorerst weiter steigen. Allerdings geht das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) nicht davon aus, dass die Zahl der Arbeitslosen massiv zunehmen wird.

Boris Zürcher, Leiter der Direktion Arbeit im Seco, beruhigt: «Das Risiko besteht, dass bis zum Jahresende noch Anpassungen in den Betrieben vorgenommen werden und Stellen gestrichen werden. Zwar haben wir eine höhere Arbeitslosigkeit als vor einem Jahr, aber die negative Dynamik hat sich in den letzten zwei bis drei Monaten deutlich abgeschwächt.»

Im Oktober ist die Zahl der Arbeitslosen weiter gestiegen. Aber vor allem aus saisonalen Gründen, weil es in der Zwischensaison in der Hotellerie und Gastronomie weniger zu tun gibt. Für Zürcher ist deshalb klar: «Wenn wir nur aus Sicht der Arbeitslosenzahlen argumentieren, dann müssen wir feststellen das der Frankenschock offenbar weitgehend verdaut ist.» Und damit ist auch die Gefahr einer Deindustrialisierung gebannt.

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Die De-Industrialisierung der Schweiz hat schon vor geraumer Zeit begonnen. Mir scheint, dies kann man auf die 1970-er Jahre zurückführen. Mit der Rezession damals setzte in den 70-er auch eine De-Industrialisierung ein, die sich mehr und mehr bemerkbar machte. Es greift also viel zu kurz, diese Entwicklung als eine heutige Zeiterscheinung darzustellen und zu glauben, es hätte was mit den Bilateralen bzw. mit EWR-oder-EU-Beitritt zu tun.
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    1. Antwort von Niklaus Bächler (parteilos!!)
      Oh, I'm surprised! Diese Analyse von ihnen hier zu lesen ermutigt mich, dass sie im fernen Thailand dazu lernen.
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Ich finde das schadet nicht. Wir brauchen wieder Schweizer Unternehmer (nur einige) die gute Produkte herstellen. Die ausländische "Mastindustrie" (wie Masthüner) hat bei uns nichts zu suchen. Wir müssen nicht die ganze Welt bedienen. Früher hat man auch in die Welt exportiert, aber eben nur einige Produkte +nicht das ganze Sortiment. Wenn wir dann weniger Arbeitsplätze haben, können wir unseren Stock an "Gier-Einwanderern" ebenfalls abbauen. Die meisten Schweizer wollen keine Globalisierung.
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    1. Antwort von M. Roe (M. Roe)
      Fortsetzung: Nur dürfen wir dann nicht den Rest zu "Studenten", "Intellektuellen" und "Beratern" verkommen lassen. Sonst kommt es noch mehr dazu, dass alle steuern wollen und keiner will mehr arbeiten. Ein passender Witz: Wenn jeder im Buss neben dem Chauffeur sitzen will, benötigen wir dann 25m breite Busse. Heute werden immer mehr Menschen psychisch krank, weil sie keine Arbeit mehr haben oder entlassen werden, und doch freut sich keiner so richtig auf Arbeit. Ist doch pervers, oder.
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  • Kommentar von H. Wach (H. Wach)
    Zur Erinnerung: Vor ca.100 Jahren haben Ökonomen versucht die Volkswirtschaften in 3 Sektoren aufzuteilen. Agrarsektor-Industriesektor-Dienstleistungssektor. Die 2 ersten Sektoren machten über Jahrzehnte ca. 70-80% der Einkommen aus. Spätestens seit den „Reagonomics“ der 1980er Jahre wurde eine Theorie entwickelt, die Volkswirtschaft der „westlichen Welt“ statt auf Produktion, auf Konsum umzuerziehen. Z.Zt. bestehen die Einkommen zu ca.70-80% aus Dienstleistungen! Das wird nicht funktionieren!
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