Süditalien wird zu einer «menschlichen Wüste»

Zum ersten Mal seit dem ersten Weltkrieg sind in Süditalien mehr Menschen gestorben als geboren wurden. Der Geburtenrückgang 2013 wird begleitet von Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität.

Ein alter Mann sitzt auf einer Treppe vor einem heruntergekommenen Haus.

Bildlegende: Die Bevölkerung Süditaliens ist überaltert. Nicht nur fehlt der Nachwuchs – im letzten Jahr wanderten über 100'000 ab. Reuters

Die Zahlen der Organisation für industrielle Entwicklung in Süditalien SVIMEZ sind erschreckend: Seit Ausbruch der Finanzkrise sind dort 583‘000 Arbeitsplätze verloren gegangen.Besonders schlimm sei die Arbeitslosigkeit bei den Frauen, sagt SRF-Korrespondent Massimo Agostinis. Nur gerade eine von fünf Frauen sei noch arbeitstätig, die Jobs seien meist schlecht bezahlt. Die einzige Institution, die noch über finanzielle Mittel verfüge und Arbeitsplätze schaffe, sei die Mafia.


Süditalien: «Das soziale Gefüge bricht zusammen»

6:15 min, aus SRF 4 News aktuell vom 29.10.2014

Reicher Norden, armer Süden

Konsum und Investitionen sind in den letzten fünf Jahren um 13, beziehungsweise über 50 Prozent eingebrochen, heisst es im Bericht der süditalienischen Statistikstelle. Massiv zugenommen hat die Armut: 2013 hat die Zahl der Familien unterhalb der Armutsgrenze gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent zugenommen und liegt nun bei über einer Million. Eine «monströse Zahl», schreibt die SVIMEZ.

Das Nord-Süd-Gefälle innerhalb Italiens ist enorm. Während das Wirtschaftswachstum in Mittel- und Norditalien stagniert, hat es im Süden mit -1,5 Prozent zum siebten Mal in Folge abgenommen. Die Region Kalabrien ist dabei die ärmste Gegend. Während dort das Durchschnittseinkommen bei knapp 16‘000 Euro pro Jahr liegt, ist es im Norden mit rund 29‘000 Euro fast doppelt so hoch.

Demonstranten auf der Strasse mit Fahnen und Transparenten

Bildlegende: Demonstrationen gegen die Sparpolitik der Regierung Anfang Oktober in Neapel: Das Geld fehlt vor allem in Süditalien. Reuters

Süditalien stirbt aus

Am alarmierendsten sei laut der SVIMEZ aber die demografische Entwicklung. Süditalien werde zu einer «menschlichen Wüste»: In den nächsten 50 Jahren verliere die Region 4,2 Millionen Einwohner. Die Zahl der Geburten lag 2013 zum ersten Mal unter der Zahl der Todesfälle – zum ersten Mal seit dem Ende des ersten Weltkriegs 1918. Das soziale Gefüge breche zusammen, sagt Korrespondent Agostinis.

Diese Entwicklung sei eine logische Konsequenz der Verarmung Süditaliens in den letzten Jahren, schreibt die Statistikstelle. Wer wolle schon neues Leben in eine Welt von Depression, Armut und organisierte Kriminalität setzen?