Sarkozys Zwiegespräch mit der Schweiz

Am zweiten Tag des Swiss Economic Forum kommt Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy für ein 40-minütiges Gespräch nach Interlaken. Gleichzeitig gut gelaunt und mahnend will er sich «mit der Schweiz unterhalten». Im Zentrum des Gesprächs steht die Euro-Krise. Das System der 28 funktioniere nicht.

Sarkozy im Gespräch mit Fischlin.

Bildlegende: Kameras nicht willkommen: Nicolas Sarkozy im Gespräch mit SRF-Moderator Franz Fischlin. SEF

Es ist der wohl meistbeachtete Auftritt am diesjährigen Swiss Economic Forum. Und Nicolas Sarkozy steigert das Interesse an seinen Worten noch, indem er jegliche Bild- und Ton-Übertragung verbietet. «Wenn alles aufgezeichnet wird, gibt es keine freie Rede mehr», begründet er. Er wolle sich ausschliesslich mit dem Forum unterhalten und «nicht mit allen anderen».

Um 8.30 Uhr betritt der ehemalige französische Präsident die Bühne in Interlaken – vor einem mehr als vollen Saal. Immerhin gibt es ja nur diese eine Möglichkeit, seine Worte zu erleben. SRF News Online fasst die wichtigsten Aussagen für die User zusammen.

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Fischlin erzählt vom Gespräch mit Sarkozy

4:49 min, vom 6.6.2014

Schweiz als Teil der europäischen Kultur

SRF-Moderator Franz Fischlin spricht mit Nicolas Sarkozy über drei Themen: die Schweiz, Europa und Russland. Gleich zu Beginn zeigt sich: Nicolas Sarkozy hat viel mitzuteilen. Er ruft der Schweiz in Erinnerung, dass sie, auch wenn sie kein Teil der EU sei, doch tief verwurzelt ist in Europa: «Wir haben dieselben Schriftsteller gelesen. Wir hören dieselbe Musik. Ihr seid Teil der europäischen Zivilisation.»

«Ihr wollt eure Eigenheiten bewahren», stellt Sarkozy fest, fügt aber an: «Kennen Sie ein europäisches Land, das das nicht will? Wollen wir vielleicht über Grossbritannien sprechen?» Für ihn steht ausser Frage, dass dieser Wunsch nach dem Eigenen mit zunehmender Globalisierung immer grösser wird.

«  Europa ist der offenste Kontinent überhaupt. »

Von einer Abschottung Europas will er nichts wissen. «Europa ist der offenste Kontinent überhaupt. Anschuldigungen sind fehl am Platz», sagt Nicolas Sarkozy. Dass Spannungen entstünden, wenn in Mitglieds-Ländern 20 oder 30 Prozent Arbeitslosigkeit herrschte, ist für ihn logisch.

Allerdings habe die EU-Wahl vor wenigen Wochen gezeigt, dass es so nicht weitergehe. Nicolas Sarkozy interpretiert den Zulauf für die Europa-kritischen Parteien so: «Es war kein Sieg der Populisten. Es war eine Niederlage von uns allen.» Der Einheitsgedanke haben einen Rückschlag erlitten.

Ebenfalls sei klar, dass eine EU aus 28 nicht genauso funktionieren könne wie die Gründungs-Union aus sechs Mitgliedern. Europa leide unter einem strukturellen Problem, nicht unter einem konjunkturellen. «Es ist eine Lüge, dass alle Länder dieselben Rechte und Pflichten haben», sagt Nicolas Sarkozy. Deutschland und Frankreich etwa, die zusammen für die Hälfte des Bruttoinlandprodukts der EU sorgten, trügen mehr Verantwortung.

In den 1980er-Jahren seien rund ein Dutzend westlicher Länder zu den exklusiven Profiteuren des weltweiten Wachstums geworden. Nur dank günstiger Rohstoffe und geringer Konkurrenz konnten sie ihre schlagkräftigen Sozialsysteme aufbauen – und «litten“ nun unter diesen. «Jetzt, wenn die Arbeitslosigkeit explodiert, ist es schwierig, die Sozialausgaben zu reduzieren.»

«  Warum soll Russland expandieren wollen? »

Zuletzt kommt Franz Fischlin auf Russland zu sprechen. Nicolas Sarkozy sagt, dass er erst vor zwei Tagen gemeinsam mit Wladimir Putin gegessen habe. Er sei ein «starker Charakter». Dass ein neuer Kalter Krieg am Entstehen sei, hält er für Unkenrufe, und begründet seine Meinung so: «Russland hat nicht mal genügend Menschen für seine Fläche. Warum soll es expandieren wollen?» Wenn Menschen auf einer Halbinsel wie der Krim zu einem anderen Land gehören wollten, «soll man sie nicht daran hindern.“ Völker müssten solche Entscheidungen treffen dürfen.

Gut gelaunt, wie zu Beginn des Gespräches, verabschiedet sich Nicolas Sarkozy – im Wissen, dass er seine Botschaften platziert und den Fortgang des Interviews praktisch im Alleingang gesteuert hat.