Talfahrt an der Börse: China setzt Aktienhandel aus

Nach den heftigen Kursrutschen in den letzten Tagen ergreift China drastische Massnahmen. Um weitere Verluste zu verhindern, wurden 45 Prozent der Titel aus dem Börsenhandel genommen.

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Massive Kursstürze an den chinesischen Börsen

3:38 min, aus Tagesschau vom 8.7.2015

Die Talfahrt an den chinesischen Börsen hat sich noch beschleunigt – und dies trotz weiterer staatlicher Eingriffe. Der Aktienmarkt in Shanghai öffnete um rund sieben Prozent niedriger, während die Börse in Shenzhen fast fünf Prozent tiefer lag.

Händler kratzt sich an der Stirn während des Betrachten des Kursverlaufes. Im Hintergrund eine grosse Leuchttafel der Titel.

Bildlegende: Der Börsenverlauf in China bereitet nicht nur den Händlern Kopfzerbrechen. Reuters

Peking zeigte sich über die Kursrutsche alarmiert. So verkündeten die Zentralbank und die Aufsichtsbehörden neue Massnahmen, um den Abwärtstrend zu stoppen. Fast die Hälfte der Aktien wurde inzwischen vom Handel ausgesetzt. Rund 1300 Unternehmen werden nicht mehr gehandelt. Das seien 45 Prozent der Aktien im Shanghai Composite und im Shenzhen Component Index mit einer Marktkapitalisierung von 2,5 Billionen US-Dollar, wie das das «Wall Street Journal» berichtete.

Massiver Wertverlust chinesischer Titel

Seit Mitte Juni haben die Indizes in Shenzhen und Shanghai mehr als einen Drittel an Wert verloren. Dem war in den Monaten zuvor ein spekulativer und vielfach kreditfinanzierter Aktienboom vorausgegangen.

Die Griechenland-Krise spielt an den weitgehend abgeschotteten chinesischen Märkten zwar keine Rolle, aber in Hongkong setzt das Tauziehen in Europa, gepaart mit den Sorgen um China, den Markt unter Druck. Der Hang Seng Index fiel zunächst auch um vier Prozent.

Um den Markt zu stützen, soll der nationale Kreditgeber China Securities Finance Corporation mindestens 500 Milliarden Yuan (umgerechnet 77 Milliarden Franken) zur Verfügung stellen. Damit will das Organ den Kauf von Wertpapieren von kleineren und mittleren Unternehmen verstärken, um angesichts der «Panik der Investoren» wieder Normalität herzustellen. Das teilte die Wertpapieraufsicht mit.


Droht in China ein Börsencrash?

1:57 min, aus SRF 4 News aktuell vom 08.07.2015

Regierung besorgt wegen Börsenturbulenzen

Als weitere Stützmassnahme erleichterten die Aufsichtsbehörden die Regeln für Aktienkäufe durch Versicherungen. Diese dürfen laut der Nachrichtenagentur Xinhua jetzt deutlich mehr Geld in den Markt stecken. Zugleich verkündete die Terminbörse strengere Regeln, um die Möglichkeit kreditfinanzierter Spekulationen einzudämmen.

Seit dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise 2008 habe die Regierung nicht mehr so stark in den Aktienmarkt eingegriffen, schrieben chinesische Staatsmedien. Vor mehr als einer Woche hatte die Zentralbank bereits die Zinsen gesenkt. Auch waren massive Stützungskäufe getätigt oder neue Börsengänge ausgesetzt worden. Doch konnten die staatlichen Interventionen den Abwärtstrend an den Märkten bisher nicht verhindern.

Einschätzung von SRF-Auslandredaktor Martin Aldrovandi

Eigentlich wollte die Regierung den Börsenmarkt vermehrt spielen lassen – als Teil der Wirtschaftsreformen unter Präsident Xi Jinping. Ein weiterer Schritt Richtung Marktwirtschaft, wie wir sie im Westen kennen. Für die Anleger wurden Schranken bewusst abgebaut, auch einfache Bürger sollten ihr Geld in Aktien investieren. Seit den Kurseinbrüchen scheint Chinas Regierung dem Markt aber nicht mehr zu vertrauen. Mit tieferen Leitzinsen und Milliardenbeträgen versucht sie, die Börsenkurse künstlich zu stützen. Doch die Anleger lassen sich nicht beruhigen. Die Panikverkäufe gehen weiter, Millionen von Kleinanlegern haben das Vertrauen in die Börse vorerst verloren. Dabei waren sie es, die deren Höhenflug erst möglich machten. Sie haben mit geliehenem Geld auf stetig steigende Kurse gesetzt. Vor allem jene, die erst kurz vor dem Sinkflug einstiegen, sind jetzt bitter enttäuscht. Dabei muss die geplatzte Blase die Realwirtschaft nicht unbedingt nachhaltig beeinträchtigen. Die Börsenkurse sind immer noch um einiges höher als vor einem Jahr. Und der Aktienmarkt macht in China einen wesentlich kleineren Teil der Wirtschaft aus als in entwickelten Staaten. Die meisten Haushalte haben ihr Vermögen auf Bankkonten oder in Form von Bargeld. Ausserdem besitzt China immense Devisenreserven. Die Regierung hat genügend Mittel, um weiterhin in den Markt einzugreifen. Die enormen Kursgewinne und Verluste könnten deshalb auch Kinderkrankheiten einer noch sehr jungen Börse sein. Und ein Lehrstück für die vielen Anleger, die offenbar davon ausgingen, dass die Kurse nur steigen und niemals sinken würden.


Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Sinkflug an Chinas Börsen

    Aus 10vor10 vom 8.7.2015

    Chinas Börsen befinden sich im Sinkflug. Besonders betroffen von den Verlusten sind Kleinsparer. Vergeblich versucht die Regierung Gegensteuer zu geben, die Ansteckungsgefahr ist gross.

  • Seit den Kurseinbrüchen scheint Chinas Regierung dem Markt nicht mehr zu vertrauen. Mit tieferen Leitzinsen und Milliardenbeträgen versucht der Staat die Börsenkurse künstlich zu stützen.

    Hat Chinas Wirtschaft Grund zur Sorge?

    Aus Rendez-vous vom 8.7.2015

    Die chinesischen Börsenkurse befinden sich seit mehreren Wochen auf Talfahrt. Rettungsmassnahmen von Chinas Regierung haben bisher nichts gebracht. Inzwischen haben über 1000 Unternehmen den Handel an der Börse sistiert.

    Martin Aldrovandi