Tankstellen-Shops sind quasi die neuen Quartierläden

Nahe am Kunden bedeutet: im Quartier. Viele Leute möchten auch am Wochenende oder spät abends noch eine Tiefkühlpizza, ein Brot oder Milch einkaufen. Convenience Shops wie etwa Coop Pronto oder die Migrolino Tankstellen-Shops sind deshalb beliebt, und es gibt immer mehr davon.


Detailhandel stagniert weiter

7:20 min, aus Echo der Zeit vom 16.06.2015

Seit 25 Jahren beobachtet Thomas Hochreutener vom Marktforschungsinstitut GfK Switzerland den Schweizer Detailhandel und er erinnert sich noch genau: «Als wir 1990 begonnen haben, den Markt zu beobachten, hat niemand von Tankstellen-Shops gesprochen. Um die Jahrtausendwende sind sie aufgekommen und in den letzten Jahren habe sie markant zugelegt.» Es gebe mehr als 1700 Tankstellen- und Convenience-Shops in der Schweiz.

Zurück in die Quartiere

Es dürften noch mehr werden in den nächsten Jahren. Denn Migros-Chef Herbert Bolliger will wieder zurück ins Quartier. Sei es mit Migrolino Tankstellenshops oder voi-Quartierläden. «Wir kommen so wieder näher zu den Kunden. Die Einkaufszentren haben oft Probleme mit dem Verkehr.»

Auch Coop-Chef Joos Sutter glaubt, dass die Zeiten, in denen immer mehr grosse Einkaufstempel gebaut wurden, nun vorbei seien: «Es ist so, der Einkauf in der Nähe, sei es zu Fuss oder mit dem Velo, bringt natürlich Lebensqualität.» Sutter ist überzeugt, dass das ein guter Trend für die Zukunft ist.

Das Geschäft mit kleinen Läden boomt seit Jahren. Coop hat mit seinen Coop-Pronto-Shops lange Zeit den Takt angegeben. Bis auch andere Detailhändler aufgerüstet haben, allen voran die Migros. Nach Übernahmen und Kooperationen verfügt sie heute mit ihren Migrolino-Läden, Shell-Migrolinos und anderen Tankstellenshops über mehr Läden als Coop.

Soziale Kontakte beim Einkaufen

Um die Ecke rasch noch frische Früchte, Brot oder Gemüse einkaufen: Das werde für die Kunden immer wichtiger, sagt auch Detailhandelsexperte Thomas Hochreutener: «Es ist auch Convenience, wenn ich in einen Laden gehe und innerhalb von fünf Minuten kann ich alles kaufen. Man kennt mich, ich werde begrüsst, es finden soziale Kontakte statt, das ist auch ein Bedürfnis.»

Seien es Tankstellen-Shops oder einfach kleine Quartierläden: Sie scheinen sich für die grossen Detailhändler zu rentieren. Coop mache mit seien kleinsten Läden am meisten Umsatz, sagt Hochreutener. «Die kleinen Läden haben eine sehr hohe Quadratmeter-Produktivität, und das zeigt, dass das attraktiv ist.»

Dass die Kunden nicht mehr das Auto hervorholen wollen, um rasch ein Brot zu kaufen, das haben längst nicht nur Coop und Migros gemerkt. Gerade in Grossstädten öffnen vermehrt ausländische Familien kleine Läden und verkaufen das Nötigste für den täglichen Bedarf, etwa Brot, Gemüse und Milchprodukte und oft auch ausländische Waren aus Asien oder der Türkei.

Migros-Chef Herbert Bolliger sieht diese neue Konkurrenz positiv: «Ich finde das eine schöne Entwicklung. Diese Läden können die Bedürfnisse des entsprechenden Kundensegments besser abdecken. Sie sind näher am Kunden, als wir es sind.»

Ähnlich sieht es Coop-Chef Joos Sutter. Die kleinen Läden förderten die kulinarische Vielfalt. «Ich denke, es ist ein guter Trend. Die Bedeutung der Lebensmittel nimmt zu, und es tut der Branche gut, wenn wir verschiedene Anbieter haben.»

Wenig Einkommen für viel Arbeit

Stark zunehmen werde die Zahl der kleinen Familienläden aber nicht mehr, sagt Detailhandelsexperte Thomas Hochreutener. Der Detailhandel sei ein hartes Geschäft mit langen Präsenzzeiten, bescheidenen Umsätzen und Margen. Für einen kleinen Laden, der nicht in grossen Mengen einkaufen kann, bleibe meist nicht viel in der Kasse.

An ein Wiederaufleben des Tante-Emma-Ladens glaubt Hochreutener deshalb nicht. An eine goldene Zukunft für die Convenience-Läden der Grossverteiler allerdings schon.