Ankündigung von Goldman Sachs Treibt der Brexit Investment-Banken in die Flucht?

SRF News: Die US-Bank Goldman Sachs hat angekündigt, mehrere hundert Arbeitsstellen von London in die EU zu verlagern. Ist dies eine Folge des Brexits?

Martin Alioth: Es ist zweifellos eine Folge der Unsicherheit über die künftigen Regeln zum Austausch von Waren, Dienstleistungen und Personen. Firmen können nicht warten, bis diese Regeln in grob zwei Jahren genau ausgehandelt sind. Also sorgen sie vor. Sie mieten Büros in Frankfurt, Dublin, Paris oder Amsterdam. Sie heuern zusätzliches Personal an, und bestimmen, welche Arbeitsplätze, die derzeit in London sind, ausgelagert werden.

Welche anderen Unternehmen überlegen, sich von London abzuwenden?

Die schlagzeilenträchtigsten Namen sind internationale Banken, die eine grosse Präsenz in London haben. Amerikanische, britische Geldhäuser, aber auch UBS oder Deutsche Bank zum Beispiel. Dazu kommen internationale, in London domizilierte Anwaltskanzleien. Letztes Jahr haben zehnmal so viele in Grossbritannien akkreditierte Anwälte auch das irische Anwaltspatent beantragt als in den Jahren davor. Getreu der Maxime: «Gouverner, c'est prévoir» – oder «Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste».

«  Ernsthafter ist der Verlust von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen für den britischen Fiskus.  »
Pater Noster Square in London von oben

Bildlegende: Der «Brexodus» betrifft nicht nur die Londoner City, sondern die ganze britische Wirtschaft. Imago

Was bedeutet der Abzug von Banken und Anwälten für Grossbritannien?

Auf der positiven Seite heisst das, dass der Wohnraum in London möglicherweise etwas günstiger wird. Aber ernsthafter ist der Verlust von Arbeitsplätzen und von Steuereinnahmen für den britischen Fiskus. Berechnungen gehen davon aus, dass die City of London, ein grosses Konglomerat, das nicht nur Banken und Kanzleien, sondern auch andere Dienstleister umfasst, grob 70 Milliarden Pfund pro Jahr an den Staat abliefert. Es gibt – wenn auch sehr wackelige – Prognosen, dass etwa fünf Milliarden Pfund pro Jahr auf dem Spiel stehen wegen diesen Umlagerungen.

Diese Sektoren spüren die Folgen des angekündigten Brexits

  • Der Gesundheitsdienst mit über 1,1 Millionen Angestellten. Etwa 57'000 davon sind EU-Bürger. Der Abgang von Krankenschwestern und Ärzten im letzten Jahr aus der EU war grösser als in den Vorjahren. Und die Neubewerbungen für Stellen im National Health Service von Personen aus der EU sind um den letzten Jahreswechsel herum dramatisch gesunken.
  • Die Universitäten, die finanziell sehr stark von ihrer Attraktivität bei ausländischen Studenten profitieren. Bewerbungen von EU-Bürgern gehen wegen der Unsicherheit über ihren künftigen Status zurück.
  • Der Bausektor, der sich bereits ziemlich lauthals über den Verlust von osteuropäischen Fachkräften beklagt.
  • Die Landwirtschaft, die auf billige Arbeitskräfte aus Osteuropa angewiesen ist für saisonale Arbeiten wie die Obst- und Gemüseernte.

Die Unsicherheit lässt die Firmen offensichtlich handeln, bevor das Ergebnis der EU-Austrittsverhandlungen überhaupt bekannt ist?

Firmen, aber auch Individuen. Es gibt zwei Unsicherheiten, die den gleichen Effekt haben. Erstens, die Unsicherheit des künftigen Status von EU-Bürgern in Grossbritannien. Also gehen sie schon vorzeitig weg oder kommen erst gar nicht. Und zweitens, die Unsicherheit über künftige Regelungen, wie der Zugang von in Grossbritannien domizilierten Unternehmen zum restlichen europäischen Markt sein wird. Auch da werden Vorsichtsmassnahmen getroffen. Das alles zusammen gedeiht der britischen Wirtschaft zum Nachteil.

Das Gespräch führte Roman Fillinger.

Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.