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Türkische Lira stürzt ab «Erdogan hat die Devisenhändler schockiert»

Legende: Audio Kontrolle ist gut, Unabhängigkeit ist besser abspielen. Laufzeit 03:40 Minuten.
03:40 min, aus SRF 4 News aktuell vom 17.05.2018.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan fällt mit einem neuen Plan auf: Er will Entscheide der türkischen Zentralbank vermehrt beeinflussen und Kontrolle über die Geldpolitik ausüben. Das hat er in einem Interview angekündigt. SRF-Wirtschaftsredaktor Manuel Rentsch sieht das kritisch.

Manuel Rentsch

Manuel Rentsch

Wirtschaftsredaktor SRF

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Manuel Rentsch ist Wirtschaftsredaktor bei Radio SRF. Zu hören ist er oft in der Sendung SRF 3 Wirtschaft.

SRF News: Was ist von den Plänen, wonach die türkische Regierung die Kontrolle über die Zentralbank übernehmen will, zu halten?

Das ist sehr gefährlich. Es ist schlecht für das Land und die Wirtschaft. Und die Ankündigung ist auch aussergewöhnlich und etwas ungeschickt.

Aussergewöhnlich und ungeschickt – wie meinen Sie das?

Weil durch eine solche Ankündigung die Investoren an den Kapitalmärkten das Vertrauen verlieren. Wenn eine Regierung der Zentralbank befehlen will, was sie zu tun hat, ist das schlecht. Es ist in der Ökonomie erwiesen, dass es besser ist, wenn die Gewalten getrennt sind. Die Regierung ist für die Politik des Landes zuständig und die Zentralbank für die Geldpolitik.

Die Regierung sollte vorsichtig sein, auch in Bezug auf die Unabhängigkeit der Zentralbank.

Das heisst: Die Zentralbank kontrolliert den Geldfluss unabhängig. Dass Erdogan dies nun nicht mehr respektieren will und die Spielregeln ändert, das hat die Devisenhändler schockiert. Die türkische Lira hat nach der Ankündigung drastisch an Wert verloren, weil die Anleger ihr Geld abziehen.

Wie stark ist der Kurs der Lira denn seitdem gefallen?

Der Kurs ist deutlich gefallen. Die türkische Lira ist gegenüber der Referenzwährung, dem US-Dollar, so schwach wie noch nie. Sie hat diese Woche gegenüber dem Dollar fast drei Prozent verloren. Und seit Jahresbeginn beträgt das Minus nun schon 14 Prozent. Im Vergleich zu vor zehn Jahren hat die türkische Währung sogar drei Viertel ihres Wertes verloren. Vor diesem Hintergrund sollte eine Regierung vorsichtig sein, auch in Bezug auf die Unabhängigkeit der Zentralbank.

Wie stellt sich Erdogan die Kontrolle über die Zentralbank konkret vor?

Erdogan will einfach bei den wichtigen Entscheiden mitreden. Das hat er in einem Interview gesagt. Und in der aktuellen Situation sind es vor allem die Zinsentscheide. Erdogan vertritt den Standpunkt, dass der Leitzins mit 13 Prozent viel zu hoch sei und durch die Zentralbank gesenkt werden müsse.

Und was ist von diesem Argument zu halten?

13 Prozent sind natürlich sehr hoch, das ist richtig. Aber die Zentralbank macht dies ja nicht aus freien Stücken. Die Zinsen sind in der Türkei zum einen so hoch, um die Inflation zu bekämpfen, und zum anderen, um die Investoren weiter ins Land zu locken und damit auch die Währung zu stützen.

Erdogan ist mit der Strategie der Zentralbank nicht einverstanden. Weshalb ist es derart verpönt, dass eine Regierung Einfluss nimmt?

Deren Interessen sind nicht die gleichen. Die Politik wünscht sich grundsätzlich immer eine lockere Geldpolitik und dass die Zentralbank die Wirtschaft grosszügig mit viel Geld oder tiefen Zinsen unterstützt. Für die Politik ist das kurzfristig gut, weil dadurch zusätzliche Jobs geschaffen werden. Langfristig aber rächt sich dies, weil eine expansive Geldpolitik zu mehr Inflation führt. Und die ist in der Türkei mit zehn Prozent ohnehin schon sehr hoch.

Das Gespräch führte Romana Costa.

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Stephan Poetsch (StephanP)
    Es gibt keine Devisenhändler, es gibt lediglich ein globales Wettcasino, das auf dem Rücken der Realwirtschaft ihre Luftschlösser, Manipulationen und auch Betrügereien ohne Sinn für die wirklichen Bedürfnisse der Menschheit durchzieht. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das sollte der SRF besser in den Blickpunkt rücken.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Der kranke Erdogan lässt nichts unversucht, um die türkische Wirtschaft zu schädigen. Seit Monaten fällt die türkische Lira von Rekordtief zu Rekordtief. Massgeblich dafür verantwortlich ist Erdogan. Am Dienstag hat er neuerlich gezeigt, wie man mit wenig Aufwand die eigene Wirtschaft schädigt. Eine allfällige Krise wird man dabei nicht mit irgendwelchen Feinden entschuldigen können. Denn wer eine solche Staatsführung hat, braucht keine Feinde mehr. Wacht auf ihr Türken, bald sind Wahlen!
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  • Kommentar von Peter Amthauer (Peter.A)
    Warten wir es ab, bevor man sich das Maul zerreißt. Erdogan hat die türkische Wirtschaft immerhin beachtlich vorangebracht. Ausserdem ist die Türkei immernoch ein Land, in dem die Wähler einen Präsidenten abwählen können. Von Diktator zu sprechen finde ich verfehlt. Allerdings müsste es dafür jemanden geben, der wählbar ist. MfG
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    1. Antwort von Peter Imber (Wasserfall)
      Herr Amthauer: Sie glauben ja wohl selber nicht, was Sie da schreiben? Haben Sie auch verfolgt, wie Diktator Erdogan mit Kritikern seiner Person oder seiner Regierungsweise umgeht? Wie er eventuelle Gegenkandidaten behandelt, schickaniert und ausser Gefecht setzt? Die meisten davon darben irgendwo in einem Gefängnis. Über 100‘000 Gefangengenommene aus Politik, Wirtschaft, Schulen, Unis, Militär, Behörden etc. Und Sie finden es übertrieben von einem Diktator zu sprechen...
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    2. Antwort von Beat Reuteler (br)
      In der Türkei ist es nicht ratsam zu kandidieren, im Licht der Kampfmassnahmen der Regierung. In dieser Situation davon zu sprechen, dass das Volk frei wäre Erdogan abzuwählen, ist schwer zu toppen an Zynismus.
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    3. Antwort von Jürg Brauchli (Rondra)
      Nun ja, es gibt solche und solche Demokratien... Als Schweizer verstehe ich auch die EU zum Beispiel nicht als Demokratie, die
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    4. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Naja, man muss differenzieren: die ersten Jahre unter Erdogan als Premierminister waren geprägt von einem wirtschaftlichen Aufschwung. Erdogan entwickelte sich erst im Laufe der Jahre zum Diktator und Alleinherrscher.
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